Doch, doch, ich bin noch am Wandern, aber ich habe das Bedürfnis, über ein kurzes Intermezzo zu schreiben.
Zufällig bin ich am Freitag in der Auberge Beity gelandet, die von Josephine Zgheib und ihrer Freundin geführt wird. Josephine ist Politikerin und feministische Aktivistin und wir sind ins Gespräch gekommen… Sie hat mich gefragt, ob ich am Sonntag mit nach Saida “to the beach” kommen möchte. Strand klingt super, fand ich, aber da war noch mehr.
Am Strand von Saida sollte eine Protestaktion stattfinden. Saida ist eine islamisch geprägte Stadt im Süden des Landes, in der es die 10% radikalen Islamisten schaffen, immer mehr Bereiche des öffentlichen Raumes zu kontrollieren, obwohl sie dafür keinerlei Legitimation haben. Bei der Aktion wollten die Frauen mit der Botschaft “Burkini oder Bikini – im Libanon geht beides” an den Strand marschieren und dort auch bleiben.
Und so sah das dann aus.

Das Frauen Netzwerk hatte mobilisiert, aber es waren schliesslich doch nur rund 50 Personen auf “unserer” Seite. Auf der andere Seite kamen ganze Busse voller Männer und (wenigen) Frauen. Es war kein Durchkommen, der Männer-Block blockte und skandierte Unfreundliches, eine bedrohliche Stimmung.

Die Polizei war auch da, zu unserem Schutz, wie ich irgendwann realisiert habe.

Josephine’s Statement wurde von den Medien gut aufgenommen und die Aktion war am Sonntag Abend auf allen Kanälen das Thema. Auf Englisch habe ich keine Filmbeiträge gefunden, nur diese beiden Artikel: L’orient today; AlJazeera
Mir geht es hier im Libanon sehr gut, mir gefällt Vieles und ich kann von den Menschen hier Einiges lernen. Aber da ist doch auch ein dumpfes ungutes Gefühl: durch’s Beobachten und Zuhören nehme ich extreme Gräben zwischen den Religionen wahr, die mir grösser zu werden scheinen. Die Christen stellen immer gigantischere Kreuze auf die Berge und sind zum Teil sehr rassistisch gegenüber den Muslimen, auf der muslimischen Seite haben die radikaleren Gruppen Zulauf.
Danke für den eindrücklichen Bericht. Das finde ich sehr besorgniserregend. Diese Radikalisierungstendenzen scheinen sich aktuell an vielen Orten zu verschärfen.
nachdenkliche Grüsse, Karin