Alltag auf Áshóll

Die Isländerinnen und Isländer halten Rekorde im Lesen und Publizieren. 93% der Menschen hier lesen mindestens 1 Buch pro Jahr und das Land hat weltweit die meisten Autorinnen und Autoren pro Kopf. Aber davon ein anderes Mal. Ich erwähne das hier nur, weil die Titel meiner Berichte im Gegensatz zu den literarischen Rekorden des Landes aktuell etwas knapp ausfallen – was die Routine und die eher knappe Kommunikation hier auf dem Hof widerspiegelt.

Meine Tage haben eine ruhige Routine: wir ernten Kartoffeln, essen gut, sind in den freien Stunden draussen unterwegs, essen wieder gut und spielen abends vielleicht noch etwas. Der Austausch zwischen uns drei Helferinnen und den Gastgebern Ana und Sveinn kommt dabei etwas zu kurz. Sveinn spricht kaum Englisch und Ana, eine sehr nette und offene Person, ist mit ihren unzähligen Aufgaben so beschäftigt, dass sich unsere Gespräche hauptsächlich um die anstehenden Arbeiten drehen. Letzten Mittwoch hat sie mich mit dem Schulbus mitgenommen und so hatte ich etwas Zeit, mich mit ihr zu unterhalten. Sveinn hingegen ist immer noch der grosse Unbekannte für mich und so ist dieser Text kein Porträt der Beiden sondern nur eins von Ana geworden.

Ana in ihrem Element

Ana Bára [baura] Bergvinsdottir hat den Hof Áshóll von ihren Eltern übernommen. Inzwischen ist er einer von 2 grossen Höfen, die entlang des Eyjafjördur Kartoffeln anbauen, zur Zeit ihres Grossvaters waren es noch 40 Betriebe. Angebaut werden die isländischen Sorten Gullauga [gutl-öga], Goldauge, und Rauðar [röthar], die Rote, und als dritte Sorte die holländischen Premier. Beim Kartoffelanbau machen Ana und Sveinn alles selber, vom Setzen im Mai über die Ernte im Herbst mit den “Workawayern” bis zum Waschen, Verpacken und zum Teil auch Ausliefern. Und dann sind da als zweite Einnahmequelle noch die 1000 Schafe, die mir allerdings vor allem als von Ana zubereitetes Abendessen begegnen.

Ana ist die hauptsächliche Hofmanagerin, sie macht die Administration am Computer und organisiert die Leute, die über Workaway kommen. Sie führt den Haushalt, putzt und kocht meist für alle. Sie kümmert sich ausserdem um die Pferde und fährt 1-2 Mal am Tag den lokalen Schulbus, der 6-10 Kinder von den Höfen in die Schule in Greinivik bringt. Ana ist ebenso für die Vermietung des hofeigenen Ferienhauses und für die Reinigung der 5 Ferienwohnungen nebenan zuständig. Und ist natürlich stundenlang bei allen anstehenden Arbeiten auf dem Feld dabei, ein insgesamt unglaubliches Pensum. Das Beeindruckendste dabei ist: sie ist so ruhig, freundlich und zufrieden.

Ich weiss inzwischen, dass Ana sich ihre kleinen Ausflüge in den Alltag einbaut. Zu den Ferienwohnungen nebenan, die 2 Kilometer entfernt sind, ist sie vorgestern über den Berg gelaufen, anstatt das Auto zu nehmen. Ganz begeistert hat sie am nächsten Morgen erzählt, wie sie dabei über den Nebel und in die Sonne gekommen ist.

Die Geschichten und der Alltag der Frauen und überhaupt der Menschen in der Landwirtschaft scheinen mir in Island nicht viel anders zu sein als bei uns. Allerdings habe ich in der Schweiz die Arbeit auf einem grossen Hof noch nie so hautnah erlebt und so ist das eine spannende Erfahrung.

Abendstimmung auf Asholl

4 thoughts on “Alltag auf Áshóll”

  1. Liebe Claudia
    Vermutlich ist das die strengste Zeit im Jahresverlauf. Im Winter haben die beiden wahrscheinlich weniger zu tun und mehr Zeit zum Lesen. Wovon lebt der Hof im Winter, von den Schafen? Siehst Du Meerestiere?
    Woher kommen die anderen Workawayer?

    Herzlich, karin

    1. liebe Karin, die Produkte des Hofes werden auch im Sommer und Herbst nicht direkt konsumiert, in diesem Sinn leben sie das ganze Jahr von dem, was im Herbst geerntet und geschlachtet wird (in Form von direkten Lebensmitteln und Einkünften). Und dann kommen die Nebenverdienste dazu: das Fahren des Schulbusses, die Ferienwohnungen. Im Eyjafjördur gibt es viele Buckelwale, allerdings habe ich noch keine gesehen, ich muss wohl doch mal eine der offiziellen Wal-Beobachtungstouren buchen… Und meine beiden Kolleginnen kommen aus England und Deutschland. Herzlich, Claudia

  2. Liebe Claudia,

    diese Ana hat ja ein Programm! Wie viele Stunden arbeitest du auf dem Hof?

    Ich beginne wieder ab dem 25. September zu arbeiten.

    Hg Hanneloni

  3. Liebe Hanneloni, ja, Ana.hat allerdings ein unglaubliches Programm! Ich arbeite 5 Tage in der Woche und 5 Stunden am Tag, das das überall gültige Maximum für die Leute die über die Plattform “Workaway” gegen Kost und Logie arbeiten. Für mich passt da sehr gut. Liebe Grüsse Claudia

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