Gestern habe ich bei Thöme nachgefragt, über was denn der geneigte Leser in meinem nächsten Beitrag etwas lesen möchte. Über Erdbeben und drohende Vulkanausbrüche, meinte er. Aber ehrlich gesagt weiss ich da auch nicht mehr, sondern eher weniger, als auf den einschlägigen Facebook-Seiten zu finden ist. Der Lavakanal unter Grindavik wird hier als sehr lokales Phänomen betrachtet. Das Zentrum von Reykjavik ist gerade mal 40 Kilometer von Grindavik entfernt, aber es wurde keine Alarmbereitschaft ausgerufen und das Leben geht seinen gewohnten Gang – und ich bin nochmal 70 Kilometer weiter weg. Erdbeben gehören hier zum Alltag, auf meiner Mindmap für die Zeit in Michelle’s Haus habe ich schon ganz am Anfang notiert, dass immer alle Türen der Küchenschränke zu schliessen sind, weil ein Erdbeben sonst die Tassen und Teller aus den Schränken schütteln könnte…

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Aber Reykjavik ist ein gutes Stichwort. Diese Woche war ich 2 Tage in der Stadt, in der rund 40% der isländischen Bevölkerung leben. Es sind ca. 150’000 Menschen in der Stadt und 200’000 in der Agglomeration bei rund 360’000 Personen im ganzen Land. Es war schon mein vierter Besuch in der Stadt und ich erlebe dort immer beides: Inzwischen kenne ich einige Leute und habe sogar eine Freundin, bei der ich übernachten kann; ich kenne gemütliche Orte und Cafés. Und doch hat diese Stadt mit ihrer riesigen Ausdehnung und ihrem wahnsinnigen Verkehr auch Un-Orte und Momente, in denen ich mich frage, warum ich eigentlich hier so ganz allein an dieser verdammt windigen Bushaltestelle stehe und friere, und warum es hier so einen Verkehr gibt, der die Busse im Stau stehen und mich den Anschluss verpassen lässt.
Für Menschen aus dem Ausland, die Island zu ihrer neuen Heimat gemacht haben, ist es nicht ganz einfach, in die isländische Gesellschaft von Reykjavik vorzudringen – und so organisieren sie sich untereinander, um nicht zu einsam zu sein. Durch die Kontakte, die mir Michelle vermittelt hat, bewege ich mich in Reykjavik in dieser internationalen “community”.

Der Verband der Geschäftsfrauen – Félag Kvenna i Atvinnulifinu, FKA – hat eine Gruppe “New Icelanders”, für die ich am Montag an einem Workshop fotografiert habe. Die “New Icelanders” sind alle sehr nett und bringen dem Gegenüber ein aufrichtiges Interesse entgegen, ich fühle mich in dieser Runde sehr gut aufgehoben. Den Abend habe ich im Kreis von polnischen Frauen verbracht, das war einer der herzlichsten und lustigsten Abende, die ich hier in Island erlebt habe.
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Aber es gibt auch die Kehrseiten dieser Stadt – und das ist der massive Verkehr und das sind die Un-Orte, die für diesen Verkehr geschaffen wurden. Die ganzen optisch sehr schönen Wohngebiete ausserhalb des Zentrums sind extrem lärmbelastet und die riesigen Strassen machen das Zufussgehen unangenehm (aber hier laufen eh nur Kinder und Touristinnen….).

Als Reisende mache ich mir das Leben an einem fremden Ort oft schwieriger, als dies die Einheimischen tun. Ich setze mich der Unwirtlichkeit von Aussenräumen aus, was keine “normale” isländische Person tun würde. Wenn man hier einheimisch ist, organisiert man sich das Leben so, dass man bequem im Auto von A nach B fährt und nicht lange an Bushaltestellen friert oder mitten in der Nacht ewig auf einen Anschluss wartet.




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Allerdings hat es mir der kalte, unwirtliche Bus-Hof Mjödd auch irgendwie angetan. Ich habe vor, nochmal mit der Kamera zurück zu kommen und Fotos von den Menschen machen, die hier arbeiten: vom Palästinenser, der das Lokal Sara führt und die Wartenden netterweise bis 23 Uhr duldet, obwohl er eigentlich um 22 Uhr schliesst; von der Frau, die den Wartesaal mit Kiosk und WC betreut und den Leuten um 18 Uhr sagen muss, dass nun Feierabend ist.
Liebe Claudia,
du hast schon ewig lange nihts mehr gehört, dabei finde ich deine Mails immer spannend und informativ. Ich liebe es wenn es dunkel ist draussen und habe das letztes Jahr so genossen ohne all die Beleuchtungen. Doch dieses Jahr werden die Menschen sicher wieder tausend Glitter Sachen aufhängen. Ich weiss aber nicht wie es für mich in Island wäre wen es fast immer Nacht ist.
Doch die Weltlage beschäftig mich sehr und lässt mich nicht los, sodass ich die Mails unbeantwortet liegen lasse.
Gesundheitlich bin auch nicht gerade auf der Höhe. Blutdruck und Puls sind etwas aus der Balance. Etwas muss man ja haben im Alter. Ich nehme einige FI’s und gehe in die Cranio Therapie. Nun wird es langsam besser.
Liebe Grüsse
Hanneloni