Bevor ich Borgarnes wieder verlasse, möchte ich dem Städtchen einen Beitrag widmen – und schon sind wir wieder bei den Isländersagas. Alle Strassen tragen Namen von Figuren oder Orten der Egil-Saga und die 18-jährige Tochter meiner Nachbarn bestätigte mir, dass sie, so wie alle jungen Leute in Borgarnes, diese Saga und ihre Hauptpersonen kennt. Die Egil-Saga spielt von 850 bis 1000, aufgeschrieben wurde sie zwischen 1220 und 40 – und in der englischen Ausgabe aus dem Jahr 2000, die ich lese, begegne ich Menschen, deren Geschichten spannend und auch heute noch verständlich sind. Da gibt es habgierige und bescheidenere Leute, da werden Allianzen geschmiedet und Freundschaften gepflegt, da wird auch mal geschmollt oder ein Kopf vor Ärger rot, und um einem Konflikt zu entgehen, segelt man von Norwegen übers Meer und lässt sich in Island nieder. Und das eben genau hier, in Borgarnes. Plötzlich erkenne ich Ursprünge mir bekannter Ortsnamen: Sigga’s Hof (der mit den Ziegenspaziergängen) heisst Gufuá, und dem “Dampffluss” Gufuá bin ich heute in der Lektüre der Saga begegnet.

Die Isländersagas waren die ersten grossen Prosawerke, die in einer europäischen Sprache verfasst wurden – und dies von so einer kleinen Nation.
1000 Jahre später wohnen auch nicht wesentlich mehr Menschen hier. Das Städtchen Borgarnes mit seinen 2’200 Menschen ist der Hauptort der Gemeinde Borgarbyggð, in der 4’100 Menschen auf 4’926 km2 Fläche leben (was fast 1/8 der Fläche der Schweiz ist). In Borgarnes gibt es verschiedene Schulen inkl. Gymnasium, ein grosses Sportzentrum mit Schwimmbad und eine grosse Supermarkt-Tankstellen-Überlandbus-Fast Food Restaurant-Anlage, die direkt an Islands Ringstrasse liegt und wo auch im Winter immer wieder Reisebusse stoppen. Daneben als Kehrseite ein etwas heruntergekommenes “Downtown”, aus dem viele Betriebe abgewandert sind.


In Borgarnes läuft niemand, der es verhindern kann. Kinder und Touristen sehe ich auf der Strasse, sonst niemanden. Meine Bilder des Ortes zeigen immer menschenleere Strassen, dafür findet man hinter den Türen freundliche Menschen. Zum Beispiel im þvottahús, der Wäscherei.




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Ich habe das Glück, die netten Menschen auch einfach im Nachbarhaus zu finden:






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Ende Woche verlasse ich Borgarnes, um noch einmal von einer Welt in die andere zu ziehen. Im Dezember bin ich in Minni-Akrar, auf einem Milchwirtschaftshof, in dem Kühe gemolken werden müssen und der Stall geputzt sein will. Ich bin gespannt! Ein bisschen wehmütig bin ich beim Abschied von Borgarnes.






