
Christine hat mich gefragt, wie ich in diesem schwierigen Land so viele spannende Projekte finde, wie ich mich bewerbe und dann schliesslich auch wirklich hinkomme.
Das ist einerseits ganz einfach: Ich finde sie über die Seite workaway.info. Hier stellen sich Projekte aus der ganzen Welt vor, die Freiwillige suchen und hier haben die Freiwilligen ihrerseits ihre Profile. Im Libanon gibt es eine sehr überschaubare Auswahl an Projekten und es war nicht schwierig, die für mich passenden zu finden und per E-Mail, WhatsApp oder Telefon Kontakt aufzunehmen. Hinter allen Projekten stehen nette Menschen, die halten, was sie in ihrem Profil versprechen. Die Anreise ist auch kein Problem, ich reise so weit es geht mit den Mini-Bussen oder fahre wie im aktuellen Fall mit einer Freundin meiner Gastgeberin auf den abgelegenen Hof.
Andererseits stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass es in einem Land ohne funktionierende Regierung, in dem 90% der Menschen unter der Armutsgrenze leben, überhaupt noch so viele engagierte Menschen und Projekte gibt. „Wer meint, den Libanon zu verstehen, war noch nicht lange genug da“ habe ich in einem meiner Bücher gelesen. Ich bin offenbar schon lange genug da, denn das Land ist mir je länger je mehr ein Rätsel. Im Wissen darum, dass es noch unzählige andere Wahrheiten gibt, kann ich nach vielen Begegnungen und Gesprächen aber doch Folgendes sagen:
Viele Menschen haben das Land verlassen, in der aktuellen Krise, aber auch schon früher. Im Libanon leben zur Zeit geschätzte 4 Millionen Libanesinnen und Libanesen und 2 Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Für die Libanesinnen und Libanesen im Ausland kursieren Zahlen zwischen 15 und 20 Millionen (im Gegensatz zu 800‘000 Auslandschweizerinnen und -schweizern), d.h. die Menschen, die noch da sind, haben oft Verwandte im Ausland, die finanzielle Unterstützung leisten können. Generell geht es denen einigermassen gut, die ihren eigenen Lohn in Dollars verdienen oder eine Kundschaft haben, die dies tut. Die etwas teureren Märkte, Bars und Cafés, Läden und Hostels leben hauptsächlich von den ausländischen Gästen, den Expats, und den Einheimischen, die zum Beispiel für ausländische Unternehmen arbeiten oder online Sprachunterricht geben.
Unzählige NGOs stellen Personal an und unterstützen lokale oder regionale Initiativen. Von den grösseren NGOs und ihren Verstrickungen im Regierungsfilz habe ich schon schlimme Geschichten gehört, andererseits gibt es Hunderte von kleinen Initiativen – wie Yoshi‘s Schule in Deir Zenoun oder Bouba‘s Zirkus in Chatoura – durch die Geld, das in privaten Netzwerken im Ausland gesammelt wird, ganz direkt den Menschen hier zu Gute kommen.
Inzwischen kenne ich auch Einheimische, die das Land nicht verlassen, obwohl sie es könnten – und auch Menschen aus anderen Ländern, die hier ein Leben gefunden haben, das ihnen gut tut. Ich habe das nicht überprüft, aber sie gehören sicher alle zu den 90%, die statistisch gesehen arm sind. Allen gemeinsam ist, dass sie extrem sparsam leben. Sie haben grosse Vorräte an Kartoffeln, Linsen, Kichererbsen Bulgour, Mehl, Eiern, Olivenöl und Gewürzen im Haus und kaufen frisches Gemüse und Obst im Laden um die Ecke. Mit der lokalen Kochkunst entsteht daraus gesundes und leckeres Essen. Verarbeitete oder importierte Lebensmittel sind so teuer, dass man sie nicht kauft, und auch Milchprodukte oder Alkohol sind Luxus. Indem die Leute (mit Ausnahme der ganz Reichen) nicht im Restaurant essen, nicht ins Kino gehen, nicht weit weg fahren und sich keine neue Einrichtungsgegenstände kaufen, kommen sie auf andere kreative Ideen. Der libanesische Freundeskreis meiner Gastgeberin trifft sich im Sommer bei privaten Musikfestivals oder auf einem Grundstück an einem schönen Fluss in den Bergen. Möbel und Gebrauchsgegenstände werden selber hergestellt oder getauscht, für Porträt-Aufnahmen, Grafik, Malerarbeiten oder Haarschnitte hilft man sich gegenseitig und hat dabei Zeit für Kaffee und Gespräche.
Es gibt auf jeden Fall auch viele Dramen, viel Verzweiflung und vor allem unter den Flüchtlingen auch eine noch viel schlimmere Armut. Aber es gibt in diesem Land auch Menschen, die den Widerwärtigkeiten trotzen, und die sich ein einfaches, kreatives und irgendwie auch gutes Leben aufgebaut haben. Einige von ihnen teilen dieses Leben netterweise für kürzere oder längere Zeit mit Leuten wie mir.























