Arz Tannourine

“Arz” ist die Zeder auf Arabisch und Arz Tannourine ist ein Zedernschutzgebiet im Distrikt Batroun, im nördlichen Libanon. 60 Kilometer Luftlinie bin ich von der Schule in Deir Zenoun entfernt und gefühlt auf einem völlig anderen Planeten. Ich wusste ja, dass es im Libanon Berge gibt, aber ich habe nicht erwartet, dass es hier irgendwie vertraut aussieht – und dass es hier auch richtige “Bergler” gibt. Challita, der Manager des Schutzgebietes, kommt von hier, genauer gesagt aus Tannourine el Faouqa, dem oberen Tannourine, kennt jede Zeder und ist gegenüber der ausländischen Mitarbeiterin eher wortkarg. Im ersten Moment dachte ich gleich wieder an Abreise, aber inzwischen haben wir uns gut aneinander gewöhnt und ich bleibe doch 🙂

Berge und Bäume sind absolut genial hier. Das Schutzgebiet ist klein, es sind nur gut 600 ha, aber es ist der grösste (fast) reine Zedernwald des Landes. Überhaupt gibt es hier nur noch wenig Wald, schon die Phönizier und alle nachfolgenden Kulturen haben die Wälder für den Bau von Schiffen und Palästen geplündert. Umso beeindruckender sind die einzelnen riesigen und uralten Zedern, die hier stehen.

“Es gibt im Libanon keinen öffentlichen Verkehr”…

… las ich überall, als ich mich auf meine Reise vorbereitet habe. Und ja, es stimmt, es gibt keinen “öffentlichen”, also national oder regional geplanten und subventionierten Verkehr, so wie es in diesem Land überhaupt wenig national oder regional Geplantes und Finanziertes gibt.

Es gibt aber überall kleinere und mittelgrosse Busse, die privat betrieben werden. Für die Betreiber und Fahrer sicher ein hartes Brot, aber für die Reisenden sehr gäbig: Indem jeder Fahrer ein Interesse daran hat, möglichst viele Leute mitzunehmen, hupt er bei jeder potentiellen Kundin zweimal kurz freundlich und fragt hoffnungsvoll, ob sie vielleicht mitfahren möchte. Wenn der Bus nicht direkt dorthin fährt, wo ich hin möchte, nimmt mich der Fahrer ein Stück mit und setzt mich dann zu seinem Kollegen in den nächsten Bus.

In der Beqaa sind ausserdem Tuk Tuks unterwegs, die oft auch mehrere Personen mitnehmen, so dass man sich die Kosten teilen kann. So funktioniert das Herumreisen tip top.

Bildbetrachtung

Dieses Bild ist ganz am Anfang meiner Zeit in der Beqaa entstanden, als ich das erste Mal auf den Berg hinter unserem Dorf gestiegen bin. Als ich da so sass und von oben auf die Beqaa schaute, meinte ich plötzlich ein – ungefähr 5 Mal vergrössertes – friedliches und reiches Gürbetal zu sehen. Wir vergleichen immer mit Vertrautem und meinen deshalb wohl oft zu schnell, zu erkennen, was wir da sehen.

Aber die weissen Flächen auf dem Foto der Beqaa sind keine abgedeckten Spargelfelder oder Gewächshäuser, sondern die Flüchtlingsdörfer, die alle aus den weissen Blachen des UNHCR gebaut sind. Auf den Feldwegen sind nur ganz selten Menschen einfach so zur Freude unterwegs. Oft sehe ich Frauen, die riesige Bündel Baumschnitt als Feuerholz auf dem Kopf nach Hause tragen oder Schäfer mit ihren kleinen Herden. Oft auch Landarbeiterinnen, die meist zu Tiefstlöhnen auf den Feldern der Bauern arbeiten, auf deren Land ihre Hütten stehen.

Bei den grossen Strassen bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, ob sie nun gefährlicher als unsere Kantonsstrassen sind oder nicht… Hier herrscht auf den löchrigen Strassen auf den ersten Blick ein absolutes Chaos. Auf den zweiten Blick gibt es allerdings sehr viele Schwellen, was heisst, dass die Geschwindigkeit tief ist. Ausserdem heisst Chaos auch, dass alle immer mit allem rechnen und durch diese Aufmerksamkeit funktioniert das Ganze gut (Velos ausgenommen…).

An den Strassen herrscht eine unglaublich Dichte an Gewerbe und Menschen, hier kommt alles zusammen. Hier sieht man, wie arm die Leute sind – und wie gross die Gegensätze. An bestimmten Stellen warten die Männer Tag für Tag darauf, dass ein Bauer oder ein Gewerbler ihre Arbeitskraft braucht. Unzählige kleine Läden und Stände bieten ihre Waren an, verkaufen aber oft den ganzen Tag nichts. Daneben teure Confiserien mit den weltbesten süssen Backwaren.

Andererseits sehe ich in dieser Ebene hier und hier und auch dort drüben Häuser, in denen ich schon zum Essen und zu Hochzeiten eingeladen war. Ich schaue hier auf eine Welt, in der das Leben so viel härter ist, als bei uns, in der die Menschen aber die Gastfreundschaft und das Zusammensein viel höher werten als wir das tun.

Es gäbe noch viel zu erzählen über dieses Bild, dabei wollte ich eigentlich nur sagen, dass es sich lohnt, genau hin zu schauen.