südostwärts

Und weil das Wetter so gut ist, bin ich auch gleich noch nach Südosten gefahren. Um ehrlich zu sein, bin allerdings nicht ich gefahren, sondern hat mich Laetitia für zwei Tage in ihrem Camper mitgenommen. Diese Reisefreundschaften sind so eine schöne Seite des Unterwegsseins. Plötzlich kreuzen sich Wege und man teilt Gedanken und Lebensgeschichten, Alltag und Reiseerlebnisse  mit Menschen, die man vor ein paar Wochen oder Tagen noch gar nicht kannte.

Wir sind also von Borgarnes an Islands Südküste gefahren und haben dort und unterwegs die Orte angeschaut, die jährlich 2 Millionen Menschen anlocken. Es sind wunderbare Orte und einmalige Naturschauspiele, aber sie haben auch eine Kehrseite, mit der ich noch nicht ganz klar komme.

Nachmittagslicht am Strand vor der Jökulsárlón

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Jökulsárlón – Gletscherlagune

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Weil viele wunderschöne Wasserfälle, Seen und Gletscher wie Edelsteine an der Ringstrasse aufgereiht sind, nehmen unglaublich viele Menschen unglaublich viele Kilometer unter die Räder und fahren die ganze Ringstrasse ab. Diese Strasse Nr. 1 des Landes ist 1400 Kilometer lang und führt um ganz Island. Sogar Ende Oktober ist der Verkehr noch massiv und sind die Parkplätze voll. Ich habe allerdings den Eindruck bekommen, dass es vielen Besucherinnen und Besuchern bei ihrer Reise nicht ums Erlebnis, sondern rein um die schnellen Abenteuer-Bilder geht. Wenn man ein wunderbares Bild der Gletscherlagune mit nach Hause bringt, war man dort, ganz egal, wie gut es einem dort ging, ganz egal, ob man gesungen oder sich über den kostenpflichtigen Parkplatz geärgert hat, egal, wie lange man wirklich dort war. Zu Sinn und Zweck dieses Massentourismus könnte man nun eine ganze Abhandlung schreiben, die hier zu weit führen würde und die es in der Tourismus- Literatur schon gibt.

Oben der Parkplatz in Jökulsarlon. Um ein Abenteuer zu erleben muss man nur vom eigenen Auto in ein anderes Vehikel umsteigen. Aber auch das Auto mit der grossen Bodenfreiheit und den riesigen Rädern ist eigentlich einfach ein Sofa, auf dem man bequem durchs “Abenteuer” schaukelt – zu diesem Schluss kam meine Schwester, als ich ihr erzählt habe, was es hier alles gibt

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Und ich, die ich Landschaften so gerne zu Fuss durchquere und die Schönheit der Umgebung lange auf mich einwirken lasse, bin nun also plötzlich auch an diesen Orten der schnellen touristischen Masse unterwegs, damit tue ich mich etwas schwer.

Und doch hat das Unterwegssein zu Zweit viel Spass gemacht und möchte ich die Eindrücke nicht missen.

westwärts

Ich plane schon lange einen Blogtext über das, was Island politisch und gesellschaftlich beschäftigt. Und diesen Text schreibe ich auch bald, versprochen. Aber seit dem Wochenende haben sich Sturm und Regen beruhigt und ich nutze die meist sonnigen Tage, um die Umgebung von Borgarnes auszukundschaften – und habe dabei wunderbare Landschaften gefunden.

Zuerst bin ich westwärts gefahren, in Richtung Snæfellsnes, bin aber gar nicht so weit gekommen, weil es schon vorher so schön war.

Sonnenaufgang über Barnarborgarhraun (hraun wird hrön ausgesprochen und heisst Lava)

Morgenlicht in der Ebene vor dem Fagraskogarfjall

Blick auf Lindartunga

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Ich bin so froh, nicht in der touristischen Hochsaison hier zu sein, und froh, so viel Zeit für die einzelnen Orte zu haben. Die grossen Parkplätze mag ich leer viel lieber.

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Nette Begegnung bei Sonnenaufgang am Grábrók Krater. 10 Grad minus war es dort am Montag Morgen!

Noch vor wenigen Wochen hatte ich mich gewundert …

… warum die meisten Museen schon für den Winter geschlossen haben. Jetzt weiss ich es: nach geschätzten 3 Wochen Herbst ist hier Winter! Nach dem ersten Schneesturm letzte Woche ist es heute zwar mit rund 5 Grad wieder etwas wärmer, aber es gibt oft Schneeregen, slydda auf Isländisch, und es ist meist stürmisch und bewölkt und um 0 Grad.

Blick aus dem Fenster am 12. Oktober

Die Tage werden sehr schnell kürzer, um 19 Uhr ist es inzwischen dunkel. Ich mag die Dämmerung allerdings sehr gerne, ich finde sie sehr inspirierend zum Fotografieren. Von meinem heutigen Abendspaziergang habe ich ein paar Borgarneser Farben mitgebracht. In Borgarnes leben rund 2’200 Menschen, für Island ist das ein Städtchen. Der Ort ist nicht reich und vor allem die Gewerbehalbinsel Brakery, über die ich spaziert bin, hat schon bessere Zeiten gesehen.

Nach einer intensiven Woche mit 2 Kunstworkshops und vielen neuen Bekanntschaften bin ich nun im Haus von Michelle Bird, während sie auf Reisen ist. Ich hüte Haus und Katzen und arbeite mit Kolleginnen von ihr an diversen Projekten. Mit Signy Oskarsdottir arbeite ich an einem Projekt, das Räume für gemeinschaftliches kreatives Denken zur Verfügung stellen möchte. Heute Nachmittag haben wir uns zu diesem Thema mit Sigga getroffen: sie bietet auf ihrem Hof Ziegenspaziergänge an (was mir sehr bekannt vorkommt!) und wir haben überlegt, ob dieser Ort und die Gesellschaft der Ziegen dem kreativen Denken förderlich sein könnte. Wir sind auch beim Thema des Drucks auf die Landwirtschaft angelangt, und bei der Frage, wie die Betriebe durch Ideen wie die der solidarischen Netzwerke unterstützt werden können. Ich konnte einiges aus der Schweiz berichten und fand es erstaunlich, dass ich mich hier nun plötzlich mit Themen beschäftige, die wieder mehr mit meinem Leben und Arbeiten in der Schweiz zu tun haben.

Mine Mindmap mit allen Kontakten und mit Allem, was ich nicht vergessen sollte, hängt an der Küchentür und macht sich gut vor dem Bild, finde ich.

Von einer Welt in die andere

Seit 8 Monaten bin ich nun unterwegs. Ich denke (und hoffe…) , dass ich nach einem Jahr Unterwegssein genug davon haben werde. Im Moment bin ich allerdings noch sehr freudig unterwegs, verabschiede mich mit etwas Wehmut von lieben Menschen und schönen Orten, freue mich, mit meiner grossen Tasche weiter zu ziehen und in immer wieder neue Welten einzutauchen. Es gibt so viel Unbekanntes und Inspirierendes zu entdecken, so nette Menschen überall.

Vom Hof am Eyjafjördur, von Anna und ihrer Familie, die seit Generationen in dieser Gegend lebt, bin ich in den Südwesten von Island gezogen, nach Borganes. Zu Michelle Bird, einer Künstlerin, die ursprünglich aus den USA stammt, in vielen Ländern gelebt hat und nun seit 10 Jahren in Island lebt und hier eine bekannte und extrem gut vernetzte Person ist.

Heute stürmt es draussen und aus dem Küchenfenster sehe ich ein graublaues aufgewühltes Meer. Mir scheint Michelle’s wunderschönes Haus der richtige Ort zu sein, um mich für einige Monate niederzulassen und zu erleben, wie es dunkler und (noch) kälter wird.

am Eyjafjördur ist es kälter geworden / Anna hat Abschiedswaffeln gebacken / auch Kunst – der wunderbare Werkzeugschuppen auf Áshóll
zwischen den Welten
neue Farben und Formen / Michelle in ihrer Küche, umgeben von ihrer Kunst / Wochenendworkshop