Kartoffeln und Schafe

Ich bin gelandet: auf dem Hof Áshóll [ausch-hötl], am östlichen Ufer des Eyafjördur in Nordisland, und mitten in der Kartoffelernte. Während es mir in “Les Racines du Ciel” manchmal etwas suspekt war, dass Andere die Arbeit machen, sind wir drei “Workawayer” hier fester und wichtiger Bestandteil des Teams und stehen im Moment meist auf der Erntemaschine und sortieren alles aus, was keine Kartoffel oder eine grüne, verfaulte oder beschädigte Kartoffel ist.

Das wunderschöne weite Land von Asholl. Rechts ganz klein die Erntemaschine, links am Wasser noch kleiner einige wenige Schafe.

Und natürlich die Schafe! Mit den Lämmern sind es im Moment ca. 1000 Stück. Sie waren den Sommer über in den Bergen und werden jetzt nach und nach zurück geholt. Etwa die Hälfte sind schon hier, wir haben sie vorgestern von der Weide in den Stall getrieben, wo sie sortiert wurden: welche gehören effektiv zum Hof, welche gehören den Nachbarn.

Zum Hof gehören 50 ha Land, wobei auch der Anteil am gemeinschaftlich genutzten Weideland in den Bergen dazu zählt. Zu meiner grossen Freude sind die Berge direkt hinterm Haus und so ist diese Mischung ganz wunderbar: ich arbeite 5 Stunden am Tag und habe viel Zeit um die Berge oder die Ufer des Fjords zu erkunden und unter dem weiten Himmel unterwegs zu sein.

Blick vom Laufashnjukur auf Asholl und den Eyafjördur

Mit der Norröna durch die Nacht, Kunst und Weite in Island

“It’s a bit arty” so beschrieb die die Einheimische, mit der ich im Hotpot des kommunalen Schwimmbades sass, ihren Ort Seydisfjördur im Osten Islands. Und wirklich: Meine erste bleibende Begegnung in Island war die mit einem Kunstwerk. Die Tonskulptur “Tvisöngur” besteht aus 5 Kuppeln, deren Resonanz je einem Ton der isländischen 5-Ton Harmonie entspricht, und die je diesen Ton verstärken. Die Skulptur ist begeh- und besingbar. Ich stand also kurz nachdem mich die Fähre in Seydisfjördur ausgeladen hatte, in dieser Skulptur, habe sie besungen und wollte gar nicht mehr aufhören. Je nachdem, wo ich stand, klang meine Stimme auf eine andere Art verstärkt, die einen Kuppeln reagierten auf die höheren Töne, die anderen auf die tieferen. Ein schönes Ankommen in Island.

Ich bin noch überhaupt nicht so weit, irgendetwas Fundiertes über dieses Land zu schreiben, zumal ich erst morgen auf den Hof in Greinivik reise. Aber ich möchte doch meine Begeisterung über diese unglaubliche Weite, Leere und Schönheit der Landschaft teilen. Ich bin gerade mal von Seydisfjördur nach Reykjahlid gekommen und bin schon ganz überwältigt von den Landschaftsbildern, die ich in diesen ersten Tagen gesehen habe.

Fortsetzung folgt 🙂

Vermischte Meldungen aus der warmen Stube in Skalavik

Ich bleibe erstmal drinnen…

Was aber gut passt an diesem Montag Mittag, der sich überhaupt nicht wie ein Montag Mittag anfühlt. Morgen nehme ich die Fähre nach Island und es ist Zeit, noch einmal zurück zu blicken.

Das Buch “Schafe im Schnee” hat mir beim Nachdenken und Verstehen geholfen. Huldar Breidfjörd erzählt sehr witzig von einem jungen Isländer, der auf die Färöer reist, um seine unbekannten Nachbarn kennen zu lernen. Mir hat das Buch neue Einsichten gebracht und Anderes bestätigt: Diese beiden Nationen bringen einerseits die verschlossensten Menschen hervor (oh oh…). Andererseits sind die Haustüren die offensten: nie abgeschlossen und ohne Klingeln, man geht einfach rein. Es herrschen ein Grundvertrauen und eine gewisse entspannte Arglosigkeit, das habe ich auch bei meiner Gastgeberin Sonja in Torshavn so empfunden.

Blick von Sandoy auf Stora und Litla Dimun, im Hintergrund Suduroy

Ein Geheimnis, dass auch die von mir befragten Einheimischen nicht lüften konnten, ist die Geschichte dieser kleinen Grashöcker zwischen Dalur und Skavanes. Dafür habe ich erfahren, dass die Geburtenrate hier bei fast 3 Kindern pro Frau liegt, was erklärt, warum so viel gebaut wird. Und was wohl mit der Religiosität und der sehr traditionellen Rollenbilder zu tun hat. Neben der staatlichen Kirche gibt es unzählige Sekten und einer der 3 wichtigsten Radiosender ist ein christlicher, ich kenne ihn schon gut… Vor ein paar Tagen war eine Frauengruppe in Röcken mit mir auf der Fähre zur Insel Hestur. Als ich den wie immer steilen Hang hinter dem Dorf hoch gestiegen bin, sah ich sie unten im Dorf von Haus zu Haus huschen. Und am nächsten Tag bekam ich die Gewissheit: eine der Frauen war bei meiner Torshavner Gastgeberin zu Besuch – für eine Diskussionsrunde und Bibel Lesung der Zeugen Jehovas.

Mit einem Schulleiter habe ich mich über die riesigen Infrastruktur-Projekte auf den Inseln unterhalten. Es scheint keine Grenzen für Investitionen in Strassen, Tunnel, Schulen und Spielplätze zu geben. Er meinte, dass der Fischfang das Land (das ja offiziell gar kein eigenständiges Land ist) zu einem der reichsten der Welt mache. Das Pro Kopf Einkommen sei so hoch, dass es an öffentlichen Geldern nie mangelt.

Das Gegenstück dazu: Wie überall auf den Färöer haben auch auf Sandoy die markanten Felsformationen Namen. Oft werden die aus dem Wasser ragenden Felsen als Körperteile von unglücklichen Wesen – Trollen, Riesinnen oder in Steinen lebende Huldra – verstanden, die zwei Inseln zueinander oder gar die Färöer-Inseln nach Island ziehen wollten und dafür bestraft wurden.

Der “Trollfinger” bei Skopun, einer von vielen auf den Färöer

Viel Geld, Religion und Sagen, dazu eher verschlossene Leute – und doch haben diese Inseln etwas. Meine letzen 3 Tage hier verbringe ich im “Mölin” in Skalavik, auf der Insel Sandoy. Ein wunderbarer Ort, an dem ich mich bei Wirtin Birita gut aufgehoben fühle. Sie ist eigentlich Lehrerin und hat sich zwei Jahre frei genommen, um aus dem Haus ihrer Vorfahren ein kleines Hotel mit Café und Restaurant zu machen. Ein stimmiger Abschluss meiner Färöer Zeit.

Es ist etwas überraschend…

… dass ich mich in einem ganz normalen Einfamilienhaus in einer kleinen Stadt wiederfinde, während ich doch von abenteuerlichen Einsätzen auf abgelegenen Höfen oder auf Segelbooten ausgegangen war. Es ist auch etwas überraschend, dass ich den beiden erwachsenen Söhne der Familie die Wäsche in den Schrank räume; beide sind berufstätig und haben für solche profanen Dinge keine Zeit. Zu Hause habe ich so etwas bekanntlich nie gemacht, aber hier gehört es halt auch zum Kennenlernen anderer Lebensweisen und ist Teil des “Tauschgeschäfts”.

Ich sitze hier in einem Wohnzimmer, dessen Bewohnerinnen und Bewohner ich vor ein paar Tagen noch gar nicht kannte, und die mir ihr uneingeschränktes Vertrauen schenken. Die Einsätze über Workaway – oder über welche Plattform auch immer – sind einfach genial, auch wenn man manchmal unerwartete Arbeiten macht. Sie fördern Offenheit, Vertrauen und einen Austausch über die Landesgrenzen hinweg. Ich musste etwas an mir und meinen Erwartungen des immer perfekten Einsatzes arbeiten, bin nun aber sehr glücklich darüber, dass ich hier in Torshavn für 10 Tage ein Zuhause habe. Gegen etwas Mitarbeit im Haushalt habe ich eine Basis, von der aus ich Ausflüge machen kann, und habe ich die Gesellschaft von Sonja und Petur, die mir alles erzählen, was ich über die Färöer wissen möchte.

Am Sonntagmorgen auf der Fähre von Gamlaraett nach Sandoy.

Die Landschafts-, Meer- und Wolkenbilder, die ich hier sehe und erlebe, sind unglaublich schön und intensiv. Ich kann nach zwei Wochen bereits verstehen, warum man hier lebt und hier bleibt.

Sonnenuntergang um 21:40. Ein wunderschöner Platz, an dem Melanie und ich unser Abendpicknick machen. Aber die Fallwinde sind eisig und peitschen in wilden Böen aufs Wasser.