Was ich eigentlich so mache

Nächste Woche ziehe ich weiter und so ist das ein guter Moment für eine “Werkschau”.

Das Team vom Colony Hostel im Februar 2023: Yazan, Claudia, Rami, Lord, Sarea. Rami kommt aus Beirut, Yazan, Sarea und Lord sind vor Krieg und Militärdienst aus Syrien geflüchtet und haben hier einen Ort gefunden, an dem sie bleiben können, bis sie wissen, wie es weiter geht. Das Männerteam ist verantwortlich für die Alltagsarbeiten im Hostel. Meinerseits habe ich die – für mich sehr geniale – Aufgabe, Verbesserungen in der Gestaltung, der Einrichtung , der Kommunikation und den Abläufen vorzuschlagen und wenn möglich auch gleich umzusetzen.

Ich habe also gestrichen, beschriftet, gemalt, fotografiert und die Bilder ausgedruckt und aufgehängt, die Pinwand wiederbelebt, den Eingangsbereich freundlicher gestaltet. Geld ist für solche Dinge nicht viel da, dafür aber Farbe, Werkzeug und viel Dankbarkeit für neue Ideen.

Sonntägliches Joggen in Beirut

So ungefähr das Gegenteil der Runde im Thurnenmoos…

Gleich hier um die Ecke führt die Schnellstrasse “Charles Heliou” am immer noch in Trümmern liegenden Hafen vorbei. Heute ist die Strasse absolut leer, so habe ich sie noch nie gesehen. Riesige Plakate werben meist für Western Union, hier eines für den Beirut Marathon im März. Mein Ziel ist das “Beirut International Exposition and Leisure Center”, eine eigentlich grosszügig angelegte Freizeitlandschaft, die auch in Trümmern liegt. Der grosse bemalte Tank war Konzertraum mit Open Air Bühne… Aber immerhin: das Meer ist gross und blau und die Menschen joggen, spazieren, fahren Velo. Heute habe ich hier zum ersten Mal Autos gesehen, die Velos aufgeschnallt haben.

Auf dem Rückweg ein Blick in ein Schaufenster und einen Strassenzug von Downtown Beirut. Ein nach dem Bürgerkrieg von Ministerpräsident Rafik Hariri neu gebauter Stadtteil, in dem bis vor einigen Jahren vor allem saudiarabische Touristen die Bars und Geschäfte füllten. Heute trügt der Schein, es halten sich nur einzelne Geschäfte über Wasser, in den meisten Strassenzügen sind die Lokale geschlossen.

An der Armenia Street mit ihren bunten Häusern pulsiert in der Nacht das Leben in den Bars, da sieht man vor lauter Autos, die sich langsam durch die Strasse schieben, keinen Zentimeter Teer. Am Tag ist es die Gegend, in der ich Sachen fürs Hostel ausdrucke, Pinsel kaufe oder einen Kaffee trinke. Und dann bin ich wieder in meinem “Kiez”, wo die Strassen seltener geputzt werden.

A calm and green area

Ruhig und grün ist die Gegend, in der ich zur Zeit wohne, laut der Webseite des Hostels. “Grün” klingt für uns nach gepflegten Parkanlagen, regelmässig gesetzten Strassenbäumen oder lauschigen Gärten. Hier sind es mächtige Bäume auf verwilderten Grundstücken und vor Häuserruinen. Diese Bäume sehen aus, als würden sie den Stadtraum irgendwann übernehmen.

Dunkel heisst auf Arabisch übrigens “L denye leil” was soviel bedeutet wie “die Welt ist Nacht”. So schön.

Wo unser Alphabet herkommt

Zur Abwechslung ein richtig touristischer Ausflug und viel Geschichte: Die Stadt Jbeil (Byblos) ist eine der ältesten Städte der Welt. Seit der Jungsteinzeit ist dieser Ort durchgehend bewohnt, ab 3000 v.Chr. bauten die Phönizier hier dichte städtische Siedlungen. Sie entwickelten ausserdem ein Alphabet, das die Grundlage für unser modernes Alphabet legte. Die Griechen nannten die Stadt “Byblos”, nach ihrem Wort für Papyrus, das hier gehandelt und nach Ägypten verschifft wurde. Es folgten die Perser, Römer, Mamluken und schliesslich gehörte Jbeil für 400 Jahre (bis 1918) zum osmanischen Reich. Der Libanon wurde nach dem ersten Weltkrieg zum französischen Mandatsgebiet und 1943 unabhängig.

Wie Ebbe und Flut folgten und überlagerten sich hier seit 7000 Jahren die Zivilisationen – und die steinigen Spuren sind noch heute sichtbar, sehr beeindruckend.