Kirschenernte

Trotz aller Ambivalenzen und kritischer Gedanken habe ich meine letzte Woche in les Racines du Ciel sehr genossen. Am Donnerstag war Kirschenernte: ein wunderbarer Tag, an dem wir alle zusammen viel gearbeitet, gegessen, geredet und gelacht haben. Zum Hof gehört ein Stück Land, das nochmal 300 Meter höher liegt, d.h. auf fast 1400 M.ü.M.. Hier der weite Blick Richtung Aaqoura und das Hochplateau Richtung Beqaa.

photo Mauricio Yazbek

Wunderbarste Kirschen in rauen Mengen….

Eine windige und fröhliche Rückfahrt hinten auf dem Pick-Up, die mutigen Teenager auf dem Dach der Fahrerkabine…

Les Racines du Ciel zum Zweiten

Ernten für den Souk-el-Tayyeb in Beirut: Manal, Hiske und Ferial, vorne Benjamin und Bassam.

Nach meinem Wander-Monat bin ich wieder auf dem Hof “Les Racines du Ciel” in Lassa. Es war ein echtes Heimkommen – und doch sehe ich beim zweiten Hinschauen die Dinge etwas anders. Mir fiel beim Wandern auf, dass auf den Feldern ausschliesslich muslimische Menschen arbeiten, hauptsächlich Syrerinnen und Syrer, die zum Teil schon seit Jahrzehnten hier leben oder hier geboren sind. Diejenigen, die das Land bearbeiten, wohnen in ärmlichen Häusern. Diejenigen, denen das Land gehört, wohnen im Ausland oder an der Küste, lassen ihre Villen in den Bergen die meiste Zeit des Jahres leer stehen und kommen nur für die Sommermonate her.

Und ja, tatsächlich ist es auch hier in Les Racines du Ciel so.

Links die Häuser der Besitzerfamilien, von denen eines nun immerhin seit einer Woche bewohnt ist; auf dem rechten Bild das Nachbarshaus, in dem ich noch nie ein Lebenszeichen gesehen habe.

Den beiden syrischen Familien wird ihr Platz in der Rangordnumg räumlich zugewiesen. Eine Familie wohnt schattseitig am Hang im UG des Landhauses, die andere in einem schlecht gebauten Truckli weiter oben auf dem Land. Und dabei sind sie es, die die ganze Arbeit machen, d.h. diesen grossen Obst – und Gemüsehof bewirtschaften. Hiske macht als Vertreterin der Besitzerfamilien einen guten Job und ist gut darin, neue Absatzmärkte zu finden. Aber wir Volunteers machen doch eher leichtere und  nebensächliche Arbeiten: wir waschen Flaschen und füllen Saft, Wein oder Cider ab, helfen bei der Alkoholdestillation, bereiten für den Markt vor, sammeln Kräuter und Blumen und kümmern uns um die Wildhecke. Mit der Feldarbeit und den Ziegen und Gänsen haben wir nichts zu tun – und dieses Mal fühle ich mich dabei nicht ganz wohl.

Trotzdem gibt es Momente, in denen ich das sehr entspannte Leben in Hiskes Volunteer-Team, die sonntäglichen Besuche und die schöne Umgebung einfach geniesse…

Selber gemacht und wieder verwendet

Der Beitrag sollte eigentlich heissen: Men l masra3 al souk el tayeb (vom Hof auf den “leckeren Markt” in Beirut), aber das muss noch etwas warten. Hier zuerst ein Nachtrag zum Thema selber herstellen und wieder verwenden:

Diese uralte kleine Hacke ist mein Lieblingswerkzeug. Ihr unterer Griff besteht aus einem hohlen Stahlrohr, auf das vor langer Zeit jemand den oberen Teil geschweisst hat. Oben hat sie eine Zacke verloren, aber das macht nichts.

Der selber gebaute Pizzaofen aus Lehm stammt aus einer anderen Zeit und die drei alten Pneus sind perfekt eingesetzt (dahinter die “kerke”, mit der wir vor einer Woche Alkohol destilliert haben).

Das Wohnzimmer von Hiske, in dem wir viele gemütliche Abende verbracht haben: ein kleiner Holzofen zum Heizen und Kochen, dazu links ein Sessel, den ein Freund von ihr aus Holzpaletten gezimmert hat.

Eine lange Antwort auf Christine’s kurze Frage

Christine hat mich gefragt, wie ich in diesem schwierigen Land so viele spannende Projekte finde, wie ich mich bewerbe und dann schliesslich auch wirklich hinkomme.

Das ist einerseits ganz einfach: Ich finde sie über die Seite workaway.info. Hier stellen sich Projekte aus der ganzen Welt vor, die Freiwillige suchen und hier haben die Freiwilligen ihrerseits ihre Profile. Im Libanon gibt es eine sehr überschaubare Auswahl an Projekten und es war nicht schwierig, die für mich passenden zu finden und per E-Mail, WhatsApp oder Telefon Kontakt aufzunehmen. Hinter allen Projekten stehen nette Menschen, die halten, was sie in ihrem Profil versprechen. Die Anreise ist auch kein Problem, ich reise so weit es geht mit den Mini-Bussen oder fahre wie im aktuellen Fall mit einer Freundin meiner Gastgeberin auf den abgelegenen Hof.

Andererseits stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass es in einem Land ohne funktionierende Regierung, in dem 90% der Menschen unter der Armutsgrenze leben, überhaupt noch so viele engagierte Menschen und Projekte gibt. „Wer meint, den Libanon zu verstehen, war noch nicht lange genug da“ habe ich in einem meiner Bücher gelesen. Ich bin offenbar schon lange genug da, denn das Land ist mir je länger je mehr ein Rätsel. Im Wissen darum, dass es noch unzählige andere Wahrheiten gibt, kann ich nach vielen Begegnungen und Gesprächen aber doch Folgendes sagen:

Viele Menschen haben das Land verlassen, in der aktuellen Krise, aber auch schon früher. Im Libanon leben zur Zeit geschätzte 4 Millionen Libanesinnen und Libanesen und 2 Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Für die Libanesinnen und Libanesen im Ausland kursieren Zahlen zwischen 15 und 20 Millionen (im Gegensatz zu 800‘000 Auslandschweizerinnen und -schweizern), d.h. die Menschen, die noch da sind, haben oft Verwandte im Ausland, die finanzielle Unterstützung leisten können. Generell geht es denen einigermassen gut, die ihren eigenen Lohn in Dollars verdienen oder eine Kundschaft haben, die dies tut. Die etwas teureren Märkte, Bars und Cafés, Läden und Hostels leben hauptsächlich von den ausländischen Gästen, den Expats, und den Einheimischen, die zum Beispiel für ausländische Unternehmen arbeiten oder online Sprachunterricht geben.

Unzählige NGOs stellen Personal an und unterstützen lokale oder regionale Initiativen. Von den grösseren NGOs und ihren Verstrickungen im Regierungsfilz habe ich schon schlimme Geschichten gehört, andererseits gibt es Hunderte von kleinen Initiativen – wie Yoshi‘s Schule in Deir Zenoun oder Bouba‘s Zirkus in Chatoura – durch die Geld, das in privaten Netzwerken im Ausland gesammelt wird, ganz direkt den Menschen hier zu Gute kommen.

Inzwischen kenne ich auch Einheimische, die das Land nicht verlassen, obwohl sie es könnten – und auch Menschen aus anderen Ländern, die hier ein Leben gefunden haben, das ihnen gut tut. Ich habe das nicht überprüft, aber sie gehören sicher alle zu den 90%, die statistisch gesehen arm sind. Allen gemeinsam ist, dass sie extrem sparsam leben. Sie haben grosse Vorräte an Kartoffeln, Linsen, Kichererbsen Bulgour, Mehl, Eiern, Olivenöl und Gewürzen im Haus und kaufen frisches Gemüse und Obst im Laden um die Ecke. Mit der lokalen Kochkunst entsteht daraus gesundes und leckeres Essen. Verarbeitete oder importierte Lebensmittel sind so teuer, dass man sie nicht kauft, und auch Milchprodukte oder Alkohol sind Luxus. Indem die Leute (mit Ausnahme der ganz Reichen) nicht im Restaurant essen, nicht ins Kino gehen, nicht weit weg fahren und sich keine neue Einrichtungsgegenstände kaufen, kommen sie auf andere kreative Ideen. Der libanesische Freundeskreis meiner Gastgeberin trifft sich im Sommer bei privaten Musikfestivals oder auf einem Grundstück an einem schönen Fluss in den Bergen. Möbel und Gebrauchsgegenstände werden selber hergestellt oder getauscht, für Porträt-Aufnahmen, Grafik, Malerarbeiten oder Haarschnitte hilft man sich gegenseitig und hat dabei Zeit für Kaffee und Gespräche.

Es gibt auf jeden Fall auch viele Dramen, viel Verzweiflung und vor allem unter den Flüchtlingen auch eine noch viel schlimmere Armut. Aber es gibt in diesem Land auch Menschen, die den Widerwärtigkeiten trotzen, und die sich ein einfaches, kreatives und irgendwie auch gutes Leben aufgebaut haben. Einige von ihnen teilen dieses Leben netterweise für kürzere oder längere Zeit mit Leuten wie mir.