Khallas hiking – fertig gewandert

Bis Rashaya bin ich gekommen. Für die letzten zwei Abschnitte hätte ich einen Guide und eine Bewilligung des Militärs gebraucht, aber das hat irgendwie nicht geklappt. Ich habe aber unterwegs einige zusätzliche Schlenker gemacht, so dass ich sicher 500 Kilometer gelaufen bin. Eine intensive, freie und unbeschwerte Zeit, deren Erinnerung mich immer begleiten wird. Meine treuen Schuhe sind vom langen Weg gezeichnet, aber sie haben mich perfekt über Stock und Stein getragen und haben trampelnderweise alle Schlangen vertrieben, die sich mir in den Weg hätten legen wollen.

Ich mache hier nochmal Werbung für diesen genialen Weg. Der LMT zieht sich durchs ganze Land und ist nicht nur aufs Naturerlebnis ausgerichtet. Mit dem GPS-Track umd auf Infotafeln bekommt man Hinweise zu historischen Orten und Monumenten oder auch zu Kunst und Kultur. Ich habe heute beim Frühstück diese nette Gruppe des LMT Teams kennengelernt und im Gespräch mit ihnen realisiert, dass der Lebanon Mountain Trail viel mehr ist als nur ein Weg. Es geht um “community development”: die Gemeinden, durch die der Weg führt, sollen den Weg als “ihren Weg” verstehen und sich dadurch der natürlichen und kulturellen Besonderheiten des Ortes bewusst werden. Letztes Jahr konnte der LMT-Verein in jeder Gemeinde 40 Personen anstellen, die den Weg renoviert oder bei Bedarf neu angelegt haben – und das in einer Zeit, in der die ländliche Bevölkerung sonst kaum Einkommen hatte.

Seit 27 Nächten übernachte ich in Guesthouses und Hotels. Bis auf zwei, ja, wirklich nur zwei, Ausnahmen habe ich mich überall sehr willkommen und extrem gut aufgehoben gefühlt Oft liegen die Unterkünfte sehr schön – wie die kleine “Lavender Lodge” in Kfar Mishki oder sind historische Gebäude wie das Qomar Guesthouse, das den ehemalige Palast des Emirs in Mtein nutzt. – Und die libanesischen Zmorgen sind eh unübertroffen….

Ich kann den Lebanon Mountain Trail wirklich allen empfehlen, die ein spannendes und unbekanntes Land wandernd erkunden möchten. Beste – da noch grüne und noch nicht zu heisse – Jahreszeit ist der Mai 🙂

http://lebanontrail.org

Aaitanit to Kfar Mishki

Meine Wandertage neigen sich dem Ende zu, aber irgendwie werden sie immer intensiver und so schreibe ich hier schon wieder etwas. Ihr könnt meine Beiträge ja einfach ignorieren, wenn es euch zu viel wird:-).

Ich habe das Libanon-Gebirge, das dem Land den Namen gegeben hat, hinter mir gelassen. Der Weg hat mich gestern in die südliche Beqaa-Ebene und ans südlichen Ende des Anti-Libanon geführt. Dieser komische Name für das Gebirge zwischen dem Libanon und Syrien war mir noch vom Geographie Unterricht im Ohr. Ich hatte hier im Süden ein karges, ärmliches und von Konflikten gezeichnetes Gebiet erwartet, eine unbewusste Erwartung, die wohl durch die Berichterstattung über die Kämpfe zwischen Hisbollah-Miliz und Israel entstanden ist.

Majdal Balhiss, das gestrige Etappenziel des LMT, sah schon etwas wild aus, aber hinter dem dunklen Eingang in der bemalten Mauer versteckte sich dieser freundliche Herr, der lange in Kanada gelebt hat und fand, ich solle mein kaltes Getränk doch lieber im kühlen Laden als in der heissen Sonne trinken. Seine Schwiegertochter, die kurz vorbei kam, habe ich leider nicht auf dem Bild. Ganz verschleiert war sie, nur die Augen waren sichtbar. Sie sei eine Kanadierin, meinte mein Gesprächspartner, aber es gefalle ihr hier besser. Es gibt so viele Arten, sein Leben zu gestalten, und ich begegne ich immer wieder unerwarteten Geschichten. Von Majdal Balhiss bin ich noch 6 Kilometer und einen Hügel weiter gelaufen, um in meine “Lavender Lodge” zu kommen und war plötzlich wieder fest in christlicher Hand.

Der Mount Hermon, der im Abendlicht leuchtet,  spielt in allen Religionen, die hier ihren Ursprung haben, eine wichtige Rolle, aber im Guesthouse klingt es, als hätte er nur eine christliche Bedeutung. Abgesehen davon ist Kfar (“Dorf”) Mishki ein wunderschönes kleines Dorf – auch wenn nur 500 Leute hier wohnen und etwa 8’000 Mishkianer/-innen in Kanada leben. Auf einem Dorfrundgang zeigt mir mein Gastgeber verschlossene Häuser, in denen die Ausgewanderten nur ihre Sommerferien verbringen. Und doch ist er, der hier Gemeinderat ist, so stolz auf sein Dorf: stolz auf all das, was hier wächst – Trauben, Äpfel, Mandeln, Aprikosen, Pfirsiche, Oliven, Gemüse, Kräuter; stolz auf ein Ernte- und Kultur-Fest, das es seit 6 Jahren gibt, und zu dem die Leute von weit her anreisen; stolz auch auf die vielen bemalten Wände im Dorf.

Lebanon Mountain Trail, Baskinta to Aaitanit: Begegnungen, Zeichen und Landschaften

Ich bin früh in meiner Airbnb-Unterkunft in Kherbet angekommen, weil mich beim Autostopp vom LMT ins Dorf wieder auf Anhieb jemand mitgenommen hat. Das grosse schwarze Auto fuhr erst an mir vorbei, dann hat der Fahrer umgedreht und mir mit den Worten “let’s go!” die Autotür geöffnet. Die Leute hier gehen auf die Besucherinnen und Besucher zu und teilen, was sie haben: eine Mitfahrgelegenheit, frisch geerntete Kirschen, einen Kaffee oder Tee, Wasser, das sie auf einen Hof transportieren – oder einfach ein paar nette Worte. Deswegen fühle ich mich auf meiner Wanderung so gut aufgehoben und auch nicht wirklich alleine.

Ebenfalls sehr hilfreich ist die gute Ausstattung des Weges: die Markierungen sind so gut und regelmässige angebracht, dass ich schon stutzig werde, wenn ich mal 50 Meter ohne ein Zeichen laufe. Die Markierungen sind ausserdem differenzierter als bei uns, was sehr hilfreich ist.

Ich habe ausserdem die ganze Strecke auf Gaia GPS, so dass ich den Weg und meinen genauen Standort jederzeit sehen kann. Solange ich aufmerksam bin, kann ich den Weg so wirklich nicht verfehlen. Es passiert mir aber trotzdem manchmal, dass ich auf einem wunderbaren neu angelegten Weg fröhlich vor mich hin marschiere und erst später merke, dass der Weg zwar neu angelegt aber nicht meiner ist.

Die Landschaften, durch die ich wandere, sind durch eine Jahrtausende alte menschliche Nutzung geprägt. Das Libanon-Gebirge war für sämtliche Zivilisationen, die hier kamen und gingen, einerseits Quelle von Rohstoffen, andererseits ein Ort, in dem die Götter zu hausen schienen und in den Heldengeschichten projeziert wurden. Die heutige Landschaft erzählt von dieser Geschichte. Und sie erzählt davon, dass die Berge heute immer noch beides sind: Rohstoff, den man umgestalten, ausbeuten und zu Geld machen kann – und Sehnsuchtsort, in den man pilgert, um die 3000-jährige Zeder zu sehen, oder in dem man sich sein Ferienhaus als Rückzugsort baut.

Was passiert, wenn Frauen an den Strand gehen wollen

Doch, doch, ich bin noch am Wandern, aber ich habe das Bedürfnis, über ein kurzes Intermezzo zu schreiben.

Zufällig bin ich am Freitag in der Auberge Beity gelandet, die von Josephine Zgheib und ihrer Freundin geführt wird. Josephine ist Politikerin und feministische Aktivistin und wir sind ins Gespräch gekommen… Sie hat mich gefragt, ob ich am Sonntag mit nach Saida “to the beach” kommen möchte. Strand klingt super, fand ich, aber da war noch mehr.

Am Strand von Saida sollte eine Protestaktion stattfinden. Saida ist eine islamisch geprägte Stadt im Süden des Landes, in der es die 10% radikalen Islamisten schaffen, immer mehr Bereiche des öffentlichen Raumes zu kontrollieren, obwohl sie dafür keinerlei Legitimation haben. Bei der Aktion wollten die Frauen mit der Botschaft “Burkini oder Bikini – im Libanon geht beides” an den Strand marschieren und dort auch bleiben.

Und so sah das dann aus.

Das Frauen Netzwerk hatte mobilisiert, aber es waren schliesslich doch nur rund 50 Personen auf “unserer” Seite. Auf der andere Seite kamen ganze Busse voller Männer und (wenigen) Frauen. Es war kein Durchkommen, der Männer-Block blockte und skandierte Unfreundliches, eine bedrohliche Stimmung.

Die Polizei war auch da, zu unserem Schutz, wie ich irgendwann realisiert habe.

Josephine’s Statement wurde von den Medien gut aufgenommen und die Aktion war am Sonntag Abend auf allen Kanälen das Thema. Auf Englisch habe ich keine Filmbeiträge gefunden, nur diese beiden Artikel: L’orient today; AlJazeera

Mir geht es hier im Libanon sehr gut, mir gefällt Vieles und ich kann von den Menschen hier Einiges lernen. Aber da ist doch auch ein dumpfes ungutes Gefühl: durch’s Beobachten und Zuhören nehme ich extreme Gräben zwischen den Religionen wahr, die mir grösser zu werden scheinen. Die Christen stellen immer gigantischere Kreuze auf die Berge und sind zum Teil sehr rassistisch gegenüber den Muslimen, auf der muslimischen Seite haben die radikaleren Gruppen Zulauf.