Diese Woche habe ich bei einem Freund von Hiske, meiner Hof-Gastgeberin, einen Arabisch-Intensivkurs gemacht und auch bei ihm gewohnt. Erst als ich mich hier in meinem genialen Zimmer in den Hügeln und mit weitem Blick aufs Meer eingerichtet hatte, fiel mir auf, dass ich mein eigenes Bett gar nicht vermisse und bis jetzt auch noch gar nie darüber nachgedacht hatte, dass ich seit Februar an über 30 verschiedenen Orten übernachtet – und immer sehr gut geschlafen – habe.
So oft sagten mir meine Gastgeber und Gastgeberinnen: “You now have a home away from home!” – und sie meinten es immer Ernst.
Das Colony Hostel in Beirut ist ein echtes “Zuhause weit weg von Zuhause” geworden, in dem ich immer wieder für eine oder zwei Nächte bleibe. Inzwischen ist es in Beirut so warm, dass die ganze Nacht der Ventilator läuft und ich im sanften Rauschen des Windes immer sehr gut schlafeZur Schule in Deir Zenoun gehört das Volunteer-Haus in Anjar, in dem ich im März gewohnt habe. Damals war es saukalt und die warmen Duschen selten und aufwändig (im Bild ein oft anzutreffender Benzin-Boiler). Und trotzdem ist auch dies ein menschlich warmer Ort, an den ich jederzeit zurückkehren kann und an dem ich meine letzte Woche im Libanon verbringen werde. Das Bett in “Les Racines du Ciel” ist sehr schnell zu meinem geworden.Qomar Guesthouse in Mtein. Auch auf dem Lebanon Mountain Trail habe ich wunderbar geschlafen.Selbst mit Challita, dem “Bergler” aus dem Zedernschutzgebiet “Arz Tannourine” verbindet mich inzwischen eine Freundschaft. Eine Woche nach seinem Umzug in eine Wohnung im Rohbau hat er mich während meiner Wanderung bei sich übernachten lassen.
Nicht nur ein “Home away from home” habe ich, sondern gleich mehrere. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen.
Trotz aller Ambivalenzen und kritischer Gedanken habe ich meine letzte Woche in les Racines du Ciel sehr genossen. Am Donnerstag war Kirschenernte: ein wunderbarer Tag, an dem wir alle zusammen viel gearbeitet, gegessen, geredet und gelacht haben. Zum Hof gehört ein Stück Land, das nochmal 300 Meter höher liegt, d.h. auf fast 1400 M.ü.M.. Hier der weite Blick Richtung Aaqoura und das Hochplateau Richtung Beqaa.
photo Mauricio Yazbek
Wunderbarste Kirschen in rauen Mengen….
Eine windige und fröhliche Rückfahrt hinten auf dem Pick-Up, die mutigen Teenager auf dem Dach der Fahrerkabine…
Ernten für den Souk-el-Tayyeb in Beirut: Manal, Hiske und Ferial, vorne Benjamin und Bassam.
Nach meinem Wander-Monat bin ich wieder auf dem Hof “Les Racines du Ciel” in Lassa. Es war ein echtes Heimkommen – und doch sehe ich beim zweiten Hinschauen die Dinge etwas anders. Mir fiel beim Wandern auf, dass auf den Feldern ausschliesslich muslimische Menschen arbeiten, hauptsächlich Syrerinnen und Syrer, die zum Teil schon seit Jahrzehnten hier leben oder hier geboren sind. Diejenigen, die das Land bearbeiten, wohnen in ärmlichen Häusern. Diejenigen, denen das Land gehört, wohnen im Ausland oder an der Küste, lassen ihre Villen in den Bergen die meiste Zeit des Jahres leer stehen und kommen nur für die Sommermonate her.
Und ja, tatsächlich ist es auch hier in Les Racines du Ciel so.
Links die Häuser der Besitzerfamilien, von denen eines nun immerhin seit einer Woche bewohnt ist; auf dem rechten Bild das Nachbarshaus, in dem ich noch nie ein Lebenszeichen gesehen habe.
Den beiden syrischen Familien wird ihr Platz in der Rangordnumg räumlich zugewiesen. Eine Familie wohnt schattseitig am Hang im UG des Landhauses, die andere in einem schlecht gebauten Truckli weiter oben auf dem Land. Und dabei sind sie es, die die ganze Arbeit machen, d.h. diesen grossen Obst – und Gemüsehof bewirtschaften. Hiske macht als Vertreterin der Besitzerfamilien einen guten Job und ist gut darin, neue Absatzmärkte zu finden. Aber wir Volunteers machen doch eher leichtere und nebensächliche Arbeiten: wir waschen Flaschen und füllen Saft, Wein oder Cider ab, helfen bei der Alkoholdestillation, bereiten für den Markt vor, sammeln Kräuter und Blumen und kümmern uns um die Wildhecke. Mit der Feldarbeit und den Ziegen und Gänsen haben wir nichts zu tun – und dieses Mal fühle ich mich dabei nicht ganz wohl.
Trotzdem gibt es Momente, in denen ich das sehr entspannte Leben in Hiskes Volunteer-Team, die sonntäglichen Besuche und die schöne Umgebung einfach geniesse…
Bis Rashaya bin ich gekommen. Für die letzten zwei Abschnitte hätte ich einen Guide und eine Bewilligung des Militärs gebraucht, aber das hat irgendwie nicht geklappt. Ich habe aber unterwegs einige zusätzliche Schlenker gemacht, so dass ich sicher 500 Kilometer gelaufen bin. Eine intensive, freie und unbeschwerte Zeit, deren Erinnerung mich immer begleiten wird. Meine treuen Schuhe sind vom langen Weg gezeichnet, aber sie haben mich perfekt über Stock und Stein getragen und haben trampelnderweise alle Schlangen vertrieben, die sich mir in den Weg hätten legen wollen.
Ich mache hier nochmal Werbung für diesen genialen Weg. Der LMT zieht sich durchs ganze Land und ist nicht nur aufs Naturerlebnis ausgerichtet. Mit dem GPS-Track umd auf Infotafeln bekommt man Hinweise zu historischen Orten und Monumenten oder auch zu Kunst und Kultur. Ich habe heute beim Frühstück diese nette Gruppe des LMT Teams kennengelernt und im Gespräch mit ihnen realisiert, dass der Lebanon Mountain Trail viel mehr ist als nur ein Weg. Es geht um “community development”: die Gemeinden, durch die der Weg führt, sollen den Weg als “ihren Weg” verstehen und sich dadurch der natürlichen und kulturellen Besonderheiten des Ortes bewusst werden. Letztes Jahr konnte der LMT-Verein in jeder Gemeinde 40 Personen anstellen, die den Weg renoviert oder bei Bedarf neu angelegt haben – und das in einer Zeit, in der die ländliche Bevölkerung sonst kaum Einkommen hatte.
Seit 27 Nächten übernachte ich in Guesthouses und Hotels. Bis auf zwei, ja, wirklich nur zwei, Ausnahmen habe ich mich überall sehr willkommen und extrem gut aufgehoben gefühlt Oft liegen die Unterkünfte sehr schön – wie die kleine “Lavender Lodge” in Kfar Mishki oder sind historische Gebäude wie das Qomar Guesthouse, das den ehemalige Palast des Emirs in Mtein nutzt. – Und die libanesischen Zmorgen sind eh unübertroffen….
Ich kann den Lebanon Mountain Trail wirklich allen empfehlen, die ein spannendes und unbekanntes Land wandernd erkunden möchten. Beste – da noch grüne und noch nicht zu heisse – Jahreszeit ist der Mai 🙂