Aaitanit to Kfar Mishki

Meine Wandertage neigen sich dem Ende zu, aber irgendwie werden sie immer intensiver und so schreibe ich hier schon wieder etwas. Ihr könnt meine Beiträge ja einfach ignorieren, wenn es euch zu viel wird:-).

Ich habe das Libanon-Gebirge, das dem Land den Namen gegeben hat, hinter mir gelassen. Der Weg hat mich gestern in die südliche Beqaa-Ebene und ans südlichen Ende des Anti-Libanon geführt. Dieser komische Name für das Gebirge zwischen dem Libanon und Syrien war mir noch vom Geographie Unterricht im Ohr. Ich hatte hier im Süden ein karges, ärmliches und von Konflikten gezeichnetes Gebiet erwartet, eine unbewusste Erwartung, die wohl durch die Berichterstattung über die Kämpfe zwischen Hisbollah-Miliz und Israel entstanden ist.

Majdal Balhiss, das gestrige Etappenziel des LMT, sah schon etwas wild aus, aber hinter dem dunklen Eingang in der bemalten Mauer versteckte sich dieser freundliche Herr, der lange in Kanada gelebt hat und fand, ich solle mein kaltes Getränk doch lieber im kühlen Laden als in der heissen Sonne trinken. Seine Schwiegertochter, die kurz vorbei kam, habe ich leider nicht auf dem Bild. Ganz verschleiert war sie, nur die Augen waren sichtbar. Sie sei eine Kanadierin, meinte mein Gesprächspartner, aber es gefalle ihr hier besser. Es gibt so viele Arten, sein Leben zu gestalten, und ich begegne ich immer wieder unerwarteten Geschichten. Von Majdal Balhiss bin ich noch 6 Kilometer und einen Hügel weiter gelaufen, um in meine “Lavender Lodge” zu kommen und war plötzlich wieder fest in christlicher Hand.

Der Mount Hermon, der im Abendlicht leuchtet,  spielt in allen Religionen, die hier ihren Ursprung haben, eine wichtige Rolle, aber im Guesthouse klingt es, als hätte er nur eine christliche Bedeutung. Abgesehen davon ist Kfar (“Dorf”) Mishki ein wunderschönes kleines Dorf – auch wenn nur 500 Leute hier wohnen und etwa 8’000 Mishkianer/-innen in Kanada leben. Auf einem Dorfrundgang zeigt mir mein Gastgeber verschlossene Häuser, in denen die Ausgewanderten nur ihre Sommerferien verbringen. Und doch ist er, der hier Gemeinderat ist, so stolz auf sein Dorf: stolz auf all das, was hier wächst – Trauben, Äpfel, Mandeln, Aprikosen, Pfirsiche, Oliven, Gemüse, Kräuter; stolz auf ein Ernte- und Kultur-Fest, das es seit 6 Jahren gibt, und zu dem die Leute von weit her anreisen; stolz auch auf die vielen bemalten Wände im Dorf.

Lebanon Mountain Trail, Baskinta to Aaitanit: Begegnungen, Zeichen und Landschaften

Ich bin früh in meiner Airbnb-Unterkunft in Kherbet angekommen, weil mich beim Autostopp vom LMT ins Dorf wieder auf Anhieb jemand mitgenommen hat. Das grosse schwarze Auto fuhr erst an mir vorbei, dann hat der Fahrer umgedreht und mir mit den Worten “let’s go!” die Autotür geöffnet. Die Leute hier gehen auf die Besucherinnen und Besucher zu und teilen, was sie haben: eine Mitfahrgelegenheit, frisch geerntete Kirschen, einen Kaffee oder Tee, Wasser, das sie auf einen Hof transportieren – oder einfach ein paar nette Worte. Deswegen fühle ich mich auf meiner Wanderung so gut aufgehoben und auch nicht wirklich alleine.

Ebenfalls sehr hilfreich ist die gute Ausstattung des Weges: die Markierungen sind so gut und regelmässige angebracht, dass ich schon stutzig werde, wenn ich mal 50 Meter ohne ein Zeichen laufe. Die Markierungen sind ausserdem differenzierter als bei uns, was sehr hilfreich ist.

Ich habe ausserdem die ganze Strecke auf Gaia GPS, so dass ich den Weg und meinen genauen Standort jederzeit sehen kann. Solange ich aufmerksam bin, kann ich den Weg so wirklich nicht verfehlen. Es passiert mir aber trotzdem manchmal, dass ich auf einem wunderbaren neu angelegten Weg fröhlich vor mich hin marschiere und erst später merke, dass der Weg zwar neu angelegt aber nicht meiner ist.

Die Landschaften, durch die ich wandere, sind durch eine Jahrtausende alte menschliche Nutzung geprägt. Das Libanon-Gebirge war für sämtliche Zivilisationen, die hier kamen und gingen, einerseits Quelle von Rohstoffen, andererseits ein Ort, in dem die Götter zu hausen schienen und in den Heldengeschichten projeziert wurden. Die heutige Landschaft erzählt von dieser Geschichte. Und sie erzählt davon, dass die Berge heute immer noch beides sind: Rohstoff, den man umgestalten, ausbeuten und zu Geld machen kann – und Sehnsuchtsort, in den man pilgert, um die 3000-jährige Zeder zu sehen, oder in dem man sich sein Ferienhaus als Rückzugsort baut.

Was passiert, wenn Frauen an den Strand gehen wollen

Doch, doch, ich bin noch am Wandern, aber ich habe das Bedürfnis, über ein kurzes Intermezzo zu schreiben.

Zufällig bin ich am Freitag in der Auberge Beity gelandet, die von Josephine Zgheib und ihrer Freundin geführt wird. Josephine ist Politikerin und feministische Aktivistin und wir sind ins Gespräch gekommen… Sie hat mich gefragt, ob ich am Sonntag mit nach Saida “to the beach” kommen möchte. Strand klingt super, fand ich, aber da war noch mehr.

Am Strand von Saida sollte eine Protestaktion stattfinden. Saida ist eine islamisch geprägte Stadt im Süden des Landes, in der es die 10% radikalen Islamisten schaffen, immer mehr Bereiche des öffentlichen Raumes zu kontrollieren, obwohl sie dafür keinerlei Legitimation haben. Bei der Aktion wollten die Frauen mit der Botschaft “Burkini oder Bikini – im Libanon geht beides” an den Strand marschieren und dort auch bleiben.

Und so sah das dann aus.

Das Frauen Netzwerk hatte mobilisiert, aber es waren schliesslich doch nur rund 50 Personen auf “unserer” Seite. Auf der andere Seite kamen ganze Busse voller Männer und (wenigen) Frauen. Es war kein Durchkommen, der Männer-Block blockte und skandierte Unfreundliches, eine bedrohliche Stimmung.

Die Polizei war auch da, zu unserem Schutz, wie ich irgendwann realisiert habe.

Josephine’s Statement wurde von den Medien gut aufgenommen und die Aktion war am Sonntag Abend auf allen Kanälen das Thema. Auf Englisch habe ich keine Filmbeiträge gefunden, nur diese beiden Artikel: L’orient today; AlJazeera

Mir geht es hier im Libanon sehr gut, mir gefällt Vieles und ich kann von den Menschen hier Einiges lernen. Aber da ist doch auch ein dumpfes ungutes Gefühl: durch’s Beobachten und Zuhören nehme ich extreme Gräben zwischen den Religionen wahr, die mir grösser zu werden scheinen. Die Christen stellen immer gigantischere Kreuze auf die Berge und sind zum Teil sehr rassistisch gegenüber den Muslimen, auf der muslimischen Seite haben die radikaleren Gruppen Zulauf.

LMT, Ehden to Afqa

Schon bin ich wieder 7 Tage gelaufen und dieses tägliche Unterwegssein in Sonne, Wind und spannenden Landschaften hat grosses Suchtpotential. Obwohl ich mich so langsam bewege, sind die Tage voller Eindrücke. Ich habe sogar wieder angefangen, jeden Tag einen kurzen (oder auch längeren) Tagebuch Eintrag zu machen, obwohl ich das doch gar nicht mehr wollte…

Samstag, Qadisha Valley. Das heilige Tal der maronitischen Christen, in dem es seit den frühsten Jahren des Christentums Einsiedeleien und Kloster gibt. Ein heiliges Tal auch durch die Schönheit seiner Natur, üppige Pinien, Zypressen, Eichen und Nussbäume und riesige wilde Wasserfälle.

Sonntag, Col des Cèdres. Am Sonntag habe ich eine Pause gemacht und war…. wandern 🙂 Der LMT zieht sich immer knapp unterhalb der höchsten Bergkette entlang und ich musste einfach mal schauen, wie es ganz oben aussieht. Die Passstrasse in die Beqaa ist noch wegen Schnee gesperrt und ich war ganz alleine beim kleinen Marienbildstock auf der Passhöhe.

Montag, Beyt el Hara Guesthouse in Hadath el Jebbeh. Ein typisches Wohnzimmer im Libanon: der Ofen in der Mitte, darum herum Platz für fast beliebig viele Gäste. Hier in einem alten Haus, aber auch in den neuen Häusern zu finden. Im Libanon verabredet man sich nicht lange vorher zu einem Besuch, sondern klopft spontan an. Die Leute leben viel mehr als bei uns in ihren Netzwerken von Familie und Freunden. Am Montagabend hätte ich auch in diesem netten Guesthouse ein paar Leute geschätzt, aber ich war ganz alleine in der gemütlichen Stube.

Dienstag, Tannourine. In den christlichen Gemeinden sind Kreuze (auf jedem zweiten Berg), Marienstatuen (vor vielen Privathäusern und in jedem öffentlichen Ort, der sich irgendwie anbietet) und Bilder und Statuen der Heiligen (überall) für meinen Geschmack etwas zu offensiv platziert. Hier ein Bild des Heiligen Charbal, der im 19. Jahrhundert gelebt hat, und dessen Antlitz allgegenwärtig ist.

Mittwoch, auf dem Weg nach Aaqoura. Ich sehe hier immer wieder riesige Anlagen, für die Private ganze Bergflanken umgestalten.

Donnerstag, auf dem Weg nach Afqa. Ich habe die Gruppe, die neben dem Wanderweg picknickt, schon von weiter oben gesehen. Ein junger Mann und vier Frauen in schwarzen Gewändern. Ui , dachte ich, da mache ich vielleicht lieber einen Bogen, wer weiss, was sie über meine kurzen Hosen denken… Kurz darauf war ich herzlich in ihrer Picknick-Runde aufgenommen, hatte einen grossen Teller Essen vor mir und alle haben interessiert Fotos meiner Familie angeschaut. So eine herzliche und fröhliche Begegnung war das! Das Bild ist entstanden, als ich schon wieder weiter wollte und sie doch noch ein letztes Foto machen wollten.

Freitag, Blick zurück in den weiten Talkessel, in dem auch “les racines du ciel” liegt, der Hof, auf dem ich heute übernachtet habe und auf den wieder gehe, wenn ich mit Wandern fertig bin. Der Libanon ist ein Berg-Land. Der Küstenstreifen ist dicht besiedelt, aber ganz schmal. Und dann geht’s hoch, und zwar steil. Die allermeisten Dörfer und kleinen Städte des Landes liegen zwischen 1000 und 1500 M.ü.Meer.