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Category: 2023: bil Lebnen
Lebanon Mountain Trail LMT, Qoubaiyat to Ehden
Kleine Planänderung: anstatt erst länger auf dem Hof zu bleiben und dann den LMT zu laufen, bin ich letzten Sonntag gestartet. Ich werde den Mai wandernd verbringen – 470 Kilometer von der syrischen bis zur israelischen Grenze – und danach wieder auf den Hof in Lassa gehen. Ich fühle mich inzwischen mit Land und Leuten sicher genug und traue mir die Weitwanderung zu. Nach den ersten 5 Tagen bin ich ganz euphorisch: die Landschaft ist noch beeindruckender und hier im Norden “alpiner” als ich dachte, der Frühsommer ideal zum Wandern, die Leute in den Dörfern und Unterkünften nett und hilfsbereit.














1. Einkauf auf dem Souk in Tripoli. 2. Taxifahrer Samir bringt mich in die Berge nach Qoubaiyat. Er erzählt, dass er in 2 Wochen “auch so etwas macht wie ich”. Er will mit seinem 8 jährigen Sohn legal nach Serbien reisen und sich dann über die Grenze nach Ungarn durchschlagen, wo ihn Freunde erwarten. Er ist einer der Verzweifelten dieses Landes – und ich sitze neben ihm und bin doch meilenweit von ihm entfernt. 3. Die Touristin aus dem reichen Europa kann also loswandern und sich daran freuen, dass der LMT so gut markiert ist. 4. und 5. Und sie kann sich darüber freuen, wie schön die Landschaft im Norden des Landes ist. Auch über 1500 M.ü.M gibt es kleine landwirtschaftliche Flächen, hier üppig, oft auch karg und voller Steine. 6. Der illegale Holzschlag ist etwas sehr Bedrückendes, dem ich auf meinen Wegen begegne. Alte Wälder mit riesigen Bäumen werden zerstört. 7. Die Menschen sind so hilfsbereit. Am zweiten Wandertag haben mir nachmittags nacheinander mindestens 6 Personen geholfen, vom Ende der Etappe zum Hotel zu kommen… Inklusive Gemüse Verkäufer, der mir meinen Einkauf geschenkt hat. 8. Die Wildblumen hier sind unglaublich, so etwas habe ich schon lange nicht mehr gesehen. 9. Ich schaue jeden gelben Strommasten ganz erwartungsvoll an und oft trägt er auch wirklich die weiss-lila Markierung. 10. An das libanesische Frühstück kann ich mich gewöhnen… 11. Auch das gibt es hier: Kahle Berge (wobei der Kahlschlag schon den Phöniziern, Griechen und Römern zu zuschreiben ist) und brutale private Bauvorhaben der Neuzeit. 12. Horsh Eden, ein grosses Waldschutzgebiet. Eine Wohltat nach einem langen Weg über heisse kahle Berge. 13. Bane, hier bin ich heute. 90% der Menschen, die hier ein Wohnrecht haben, leben in Australien und finanzieren ihrem Heimatort eine 100 %-ige Abdeckung mit Solarenergie. 14. Meine Schuhe haben eine Reinigung bekommen und freuen sich auf die nächste Etappe.
Selber gemacht und wieder verwendet
Der Beitrag sollte eigentlich heissen: Men l masra3 al souk el tayeb (vom Hof auf den “leckeren Markt” in Beirut), aber das muss noch etwas warten. Hier zuerst ein Nachtrag zum Thema selber herstellen und wieder verwenden:

Diese uralte kleine Hacke ist mein Lieblingswerkzeug. Ihr unterer Griff besteht aus einem hohlen Stahlrohr, auf das vor langer Zeit jemand den oberen Teil geschweisst hat. Oben hat sie eine Zacke verloren, aber das macht nichts.
Der selber gebaute Pizzaofen aus Lehm stammt aus einer anderen Zeit und die drei alten Pneus sind perfekt eingesetzt (dahinter die “kerke”, mit der wir vor einer Woche Alkohol destilliert haben).


Das Wohnzimmer von Hiske, in dem wir viele gemütliche Abende verbracht haben: ein kleiner Holzofen zum Heizen und Kochen, dazu links ein Sessel, den ein Freund von ihr aus Holzpaletten gezimmert hat.
Eine lange Antwort auf Christine’s kurze Frage

Christine hat mich gefragt, wie ich in diesem schwierigen Land so viele spannende Projekte finde, wie ich mich bewerbe und dann schliesslich auch wirklich hinkomme.
Das ist einerseits ganz einfach: Ich finde sie über die Seite workaway.info. Hier stellen sich Projekte aus der ganzen Welt vor, die Freiwillige suchen und hier haben die Freiwilligen ihrerseits ihre Profile. Im Libanon gibt es eine sehr überschaubare Auswahl an Projekten und es war nicht schwierig, die für mich passenden zu finden und per E-Mail, WhatsApp oder Telefon Kontakt aufzunehmen. Hinter allen Projekten stehen nette Menschen, die halten, was sie in ihrem Profil versprechen. Die Anreise ist auch kein Problem, ich reise so weit es geht mit den Mini-Bussen oder fahre wie im aktuellen Fall mit einer Freundin meiner Gastgeberin auf den abgelegenen Hof.
Andererseits stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass es in einem Land ohne funktionierende Regierung, in dem 90% der Menschen unter der Armutsgrenze leben, überhaupt noch so viele engagierte Menschen und Projekte gibt. „Wer meint, den Libanon zu verstehen, war noch nicht lange genug da“ habe ich in einem meiner Bücher gelesen. Ich bin offenbar schon lange genug da, denn das Land ist mir je länger je mehr ein Rätsel. Im Wissen darum, dass es noch unzählige andere Wahrheiten gibt, kann ich nach vielen Begegnungen und Gesprächen aber doch Folgendes sagen:
Viele Menschen haben das Land verlassen, in der aktuellen Krise, aber auch schon früher. Im Libanon leben zur Zeit geschätzte 4 Millionen Libanesinnen und Libanesen und 2 Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Für die Libanesinnen und Libanesen im Ausland kursieren Zahlen zwischen 15 und 20 Millionen (im Gegensatz zu 800‘000 Auslandschweizerinnen und -schweizern), d.h. die Menschen, die noch da sind, haben oft Verwandte im Ausland, die finanzielle Unterstützung leisten können. Generell geht es denen einigermassen gut, die ihren eigenen Lohn in Dollars verdienen oder eine Kundschaft haben, die dies tut. Die etwas teureren Märkte, Bars und Cafés, Läden und Hostels leben hauptsächlich von den ausländischen Gästen, den Expats, und den Einheimischen, die zum Beispiel für ausländische Unternehmen arbeiten oder online Sprachunterricht geben.
Unzählige NGOs stellen Personal an und unterstützen lokale oder regionale Initiativen. Von den grösseren NGOs und ihren Verstrickungen im Regierungsfilz habe ich schon schlimme Geschichten gehört, andererseits gibt es Hunderte von kleinen Initiativen – wie Yoshi‘s Schule in Deir Zenoun oder Bouba‘s Zirkus in Chatoura – durch die Geld, das in privaten Netzwerken im Ausland gesammelt wird, ganz direkt den Menschen hier zu Gute kommen.
Inzwischen kenne ich auch Einheimische, die das Land nicht verlassen, obwohl sie es könnten – und auch Menschen aus anderen Ländern, die hier ein Leben gefunden haben, das ihnen gut tut. Ich habe das nicht überprüft, aber sie gehören sicher alle zu den 90%, die statistisch gesehen arm sind. Allen gemeinsam ist, dass sie extrem sparsam leben. Sie haben grosse Vorräte an Kartoffeln, Linsen, Kichererbsen Bulgour, Mehl, Eiern, Olivenöl und Gewürzen im Haus und kaufen frisches Gemüse und Obst im Laden um die Ecke. Mit der lokalen Kochkunst entsteht daraus gesundes und leckeres Essen. Verarbeitete oder importierte Lebensmittel sind so teuer, dass man sie nicht kauft, und auch Milchprodukte oder Alkohol sind Luxus. Indem die Leute (mit Ausnahme der ganz Reichen) nicht im Restaurant essen, nicht ins Kino gehen, nicht weit weg fahren und sich keine neue Einrichtungsgegenstände kaufen, kommen sie auf andere kreative Ideen. Der libanesische Freundeskreis meiner Gastgeberin trifft sich im Sommer bei privaten Musikfestivals oder auf einem Grundstück an einem schönen Fluss in den Bergen. Möbel und Gebrauchsgegenstände werden selber hergestellt oder getauscht, für Porträt-Aufnahmen, Grafik, Malerarbeiten oder Haarschnitte hilft man sich gegenseitig und hat dabei Zeit für Kaffee und Gespräche.
Es gibt auf jeden Fall auch viele Dramen, viel Verzweiflung und vor allem unter den Flüchtlingen auch eine noch viel schlimmere Armut. Aber es gibt in diesem Land auch Menschen, die den Widerwärtigkeiten trotzen, und die sich ein einfaches, kreatives und irgendwie auch gutes Leben aufgebaut haben. Einige von ihnen teilen dieses Leben netterweise für kürzere oder längere Zeit mit Leuten wie mir.