… las ich überall, als ich mich auf meine Reise vorbereitet habe. Und ja, es stimmt, es gibt keinen “öffentlichen”, also national oder regional geplanten und subventionierten Verkehr, so wie es in diesem Land überhaupt wenig national oder regional Geplantes und Finanziertes gibt.
Es gibt aber überall kleinere und mittelgrosse Busse, die privat betrieben werden. Für die Betreiber und Fahrer sicher ein hartes Brot, aber für die Reisenden sehr gäbig: Indem jeder Fahrer ein Interesse daran hat, möglichst viele Leute mitzunehmen, hupt er bei jeder potentiellen Kundin zweimal kurz freundlich und fragt hoffnungsvoll, ob sie vielleicht mitfahren möchte. Wenn der Bus nicht direkt dorthin fährt, wo ich hin möchte, nimmt mich der Fahrer ein Stück mit und setzt mich dann zu seinem Kollegen in den nächsten Bus.
In der Beqaa sind ausserdem Tuk Tuks unterwegs, die oft auch mehrere Personen mitnehmen, so dass man sich die Kosten teilen kann. So funktioniert das Herumreisen tip top.
Dieses Bild ist ganz am Anfang meiner Zeit in der Beqaa entstanden, als ich das erste Mal auf den Berg hinter unserem Dorf gestiegen bin. Als ich da so sass und von oben auf die Beqaa schaute, meinte ich plötzlich ein – ungefähr 5 Mal vergrössertes – friedliches und reiches Gürbetal zu sehen. Wir vergleichen immer mit Vertrautem und meinen deshalb wohl oft zu schnell, zu erkennen, was wir da sehen.
Aber die weissen Flächen auf dem Foto der Beqaa sind keine abgedeckten Spargelfelder oder Gewächshäuser, sondern die Flüchtlingsdörfer, die alle aus den weissen Blachen des UNHCR gebaut sind. Auf den Feldwegen sind nur ganz selten Menschen einfach so zur Freude unterwegs. Oft sehe ich Frauen, die riesige Bündel Baumschnitt als Feuerholz auf dem Kopf nach Hause tragen oder Schäfer mit ihren kleinen Herden. Oft auch Landarbeiterinnen, die meist zu Tiefstlöhnen auf den Feldern der Bauern arbeiten, auf deren Land ihre Hütten stehen.
Bei den grossen Strassen bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, ob sie nun gefährlicher als unsere Kantonsstrassen sind oder nicht… Hier herrscht auf den löchrigen Strassen auf den ersten Blick ein absolutes Chaos. Auf den zweiten Blick gibt es allerdings sehr viele Schwellen, was heisst, dass die Geschwindigkeit tief ist. Ausserdem heisst Chaos auch, dass alle immer mit allem rechnen und durch diese Aufmerksamkeit funktioniert das Ganze gut (Velos ausgenommen…).
An den Strassen herrscht eine unglaublich Dichte an Gewerbe und Menschen, hier kommt alles zusammen. Hier sieht man, wie arm die Leute sind – und wie gross die Gegensätze. An bestimmten Stellen warten die Männer Tag für Tag darauf, dass ein Bauer oder ein Gewerbler ihre Arbeitskraft braucht. Unzählige kleine Läden und Stände bieten ihre Waren an, verkaufen aber oft den ganzen Tag nichts. Daneben teure Confiserien mit den weltbesten süssen Backwaren.
Andererseits sehe ich in dieser Ebene hier und hier und auch dort drüben Häuser, in denen ich schon zum Essen und zu Hochzeiten eingeladen war. Ich schaue hier auf eine Welt, in der das Leben so viel härter ist, als bei uns, in der die Menschen aber die Gastfreundschaft und das Zusammensein viel höher werten als wir das tun.
Es gäbe noch viel zu erzählen über dieses Bild, dabei wollte ich eigentlich nur sagen, dass es sich lohnt, genau hin zu schauen.
Zwei Wochen habe ich mit den Kindern gemalt, das hat unglaublich Spass gemacht – mir und den Kindern. Kinderzeichnungen sind wahre Kunstwerke, schaut euch doch mal dieses kleine gelbe zufriedene Tier an!
Bevor ich abends mein Velo wieder in Anjar parkiere, hat an so einem Freitag extrem viel Platz. Die “3” im arabisch-phonetischen Titel steht übrigens für ein kehlig ausgesprochenes A, das gegen O geht…
Morgens fällt mein erster Blick auf Wollmütze und ebensolches Halstuch, die neben dem Bett bereit liegen. Auch mit dieser Absicherung ist es nicht einfach, mich aus dem warmem Schlafsack zu bewegen. Es ist unglaublich kalt hier in der Beqaa-Hochebene, oft zwischen 4 und 8 Grad und das bei weitgehend ungeheizten Häusern. Letzten Freitag war dann aber alles gar nicht so schlimm, im Garten trocknet die Wäsche und die Sonne wärmt mich beim Kaffeetrinken.
In der Schule in Deir Zanoun machen wir in den Klassenzimmern ein Feuer, um den Kindern einen angenehmen Empfang zu bereiten. Eine andere Heizung und Strom gibt es nicht. Im Lehrerzimmer stehen meine Malsachen bereit. Ich bin bin auch hier wieder beim Malen gelandet und gestalte zusammen mit den Kindern das Treppenhaus, das wenig einladend war. Mein Arabisch ist sehr rudimentär, aber ich kann immerhin fragen, ob die Kinder Blumen oder Herzen malen wollen, oder vielleicht doch lieber die Blätter an den Bäumen. Wenn ich in der Schule mit den Kindern zusammen bin, denke ich nie daran, wo sie herkommen und was für ein schwieriges Leben sie haben – sie benehmen sich nicht viel anders als Kinder in Mühlethurnen. Wenn ich Rimas, Dooa oder Mohammed dann auf dem Heimweg vor ihren ärmlichen Zelten oder mit ihren vielen oft sehr verwahrlosten Geschwistern sehe, erschrecke ich immer wieder über diese harte Realität.
Nach der Schule bin ich bei Houda und ihrer Mutter für eine Arabisch-Stunde. Unser Zusammensein fühlt sich inzwischen freundschaftlich vertraut an und doch leben wir in so verschiedenen Welten. Houda kann als 19-jährige Frau nicht alleine nach Beirut oder auch nur nach Anjar fahren (was uns ganz schrecklich erscheint) und schwärmt vom Ramadan-Monat, in dem sich die grosse Verwandtschaft jeden Tag nach Sonnenuntergang zum Essen und Feiern trifft (was mir bewusst macht, dass ein solcher freudiger Zusammenhalt bei uns oft fehlt).
Danach bin ich mit Lehrerin Amira und ihrer Nichte Jara unterwegs, die mich beim Einkaufen unterstützen. Jara und ihr 8-jähriger Bruder sprechen perfekt Englisch, hier haben die Kinder – wenn die Lehrerinnen und Lehrer nicht gerade streiken – vom Kindergarten an Englisch. Am frühen Abend mache ich mich mit meinem alten Mountain-Bike auf den Heimweg. Ich radle einige Kilometer auf der Strasse Beirut-Damaskus und bin froh, wenn ich sie hinter mir lassen kann.