Schon bei der Abreise von Áshóll sanken die Temperaturen und der Wind nahm zu. Aber in Raufarhöfn (ausgesprochen: rööfarhöpn), dem nördlichsten Dorf Islands, hatten wir endgültig das Gefühl, den richtigen isländischen Winter nun doch noch gefunden zu haben – und er begleitet uns seither. Raufarhöfn liegt auf 66° 27′N, d.h. fast am Polarkreis und dieser nördliche Landstrich wird beworben als “der Rand der Arktis”, und genauso fühlt es sich dort auch an. Minustemperaturen, Wind, Schnee und ein rauer Ort, der von seiner Geschichte des Fischfangs geprägt ist.
Das “Nesthouse” in Raufarhöfn ist innen zum Glück gemütlicher als es von aussen den Anschein macht. Das Gebäude war einst der Hauptsitz der staatlichen Fabrik für Herings-Öl und -mehl / Blick aus dem Hotelfenster: zwischen den Hallen tobt der Schneesturm
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Nordisland ist noch dünner besiedelt als andere Landstriche, und die weiten Blicke auf Meer und Landschaft sind überwältigend, gerade im rauen und stürmischen Winter.
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Von Raufarhöfn nach Þórshöfn – von Schnee und Sturm in noch mehr Schnee und Sturm. In Þórshöfn landen wir direkt im Café einer dieser wunderbaren Tankstellen mit Bistro, Mittagsverpflegung für die “Büezer”, ein paar Islandpullovern für die Touristen und dem Werkzeugladen im Hinterzimmer. Und danach gleich in einem dieser ebenso wunderbaren isländischen Schwimmbäder mit viel warmem Wasser.
Blick aus dem Enn 1 Skalinn in ÞórshöfnDie Hauptstrasse von Þórshöfn / der Eingang zum Hallenbad am Dienstag Nachmittag / Eingangstür des Guesthouses Lyngholt / Blick aus dem Fenster
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Und dann geht’s weiter, langsam gen Süden, aber obwohl doch der warme Golfstrom an der südlichen Küste entlang strömt, werden uns wohl die tiefen Temperaturen und der Wind bis nach Reykjavik begleiten.
Michelle’s Arthouse Borgarnes ist ein wunderbarer Ort…
Nach 3 Nächten in Borgarnes haben Tim und ich am Sonntag aller Gemütlichkeit zum Trotz bei stürmischem Wetter und eisigen Strassen unsere Reise fortgesetzt. Die Strassen im Städtchen waren so vereist, dass unser Auto trotz Spikes rutschte und selbige auch für die Schuhe angesagt waren. Uns sind zwei Touristen (Schweizer?) begegnet, die auf echten Berg-Steigeisen durch den Ort marschierten, das sah etwas ungewöhnlich aus, war aber dem Eis angemessen…
Auf der Südseite der Snæfellsnes war es mit Windstärke 6 einfach “etwas windig”, auf der Nordseite tobte ein Sturm in Stärke 8-9 mit Böen in Stärke 12. Wer in Island unterwegs ist, schaut immer wieder auf die Webseite der isländischen Strassen- und Küstenbehörde, auf der Strassenzustand und Windstärken angezeigt werden. Oft sind Strassen wegen Wind oder Schnee gesperrt.
die Basaltfelsen von Arnastapi bei “etwas Wind” (das Weiss im Vordergrund ist Wasser und nicht Schnee) / Blick aus dem Hostel in Grundafjördur – um 9:30 morgens! Bei Regen und Sturm scheint es gar nicht Tag zu werden / vom Leuchtturm Stykkisholmur der Blick auf den Breidafjördur: auf Flatey, einer kleinen Insel im grossen Fjord, entstand im 19. Jahrhundert die erste öffentliche Bibliothek Islands
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Nach dem Sturm die Sonne: in sonnigem Tauwetter haben wir zuerst meinen Dezember-Hof Minni Akrar besucht und sind dann nach Áshóll weiter gefahren, wo ich im September Kartoffeln geerntet habe. Das Zusammensein mit den herzlichen und viel lachenden Menschen in Minni Akrar war wunderbar – so wunderbar, dass ich davon gar keine Fotos gemacht habe. Kein Foto vom Zusammensein, kein Foto vom der Spezialität, die Guðrún für uns gekocht hat: mit Früchten gekochte Schafsherzen. Tim musste ausserdem den fermentierten Hai probieren, und auch getrockneter Fisch, den man in jedem Supermarkt wie einen Snack kaufen kann, wurde herumgereicht.
“Symbolbild”: so wird der Fisch schon lange nicht mehr getrocknet, hier hängt er zur Erinnerung an die alten Zeiten malerisch an einem kleinen Museum. Getrocknet werden Dorsch oder Wels / Pavillon im botanischen Garten in Akureyri – die Kunst der Beleuchtung hat im Land der langen dunklen Winter eine ganz andere Bedeutung als bei uns
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In Áshóll stehen wir kurz nach unserer Ankunft mit Silla im Stall und füttern die Schafe. Im September hatte ich geholfen, die Schafe, die aus den Bergen zurück geholt wurden, in den Stall zu treiben. Dabei hatte ich sie immer nur aus der Distanz und von hinten gesehen – runde Wesen mit dünnen Beinen und wenig Individualität. Diese Mal kann ich sie mir im Stall in aller Ruhe von Angesicht zu Angesicht anschauen. Obwohl die Schur schon wieder eine Weile her ist, scheinen sie ohne ihre unglaubliche Menge an Wolle ganz andere Tiere zu sein, die durchaus ihren eigenen Charakter haben. In Island gilt übrigens für Schafe, Kühe und Pferde die selbe Regel: es gibt hier nur die isländischen Rassen, die robust und dem Klima angepasst sind. Bei den Pferden und Kühen gibt es unterschiedliche Farben, bei den Schafen verschiedene Rassen – aber es sind alles Islandpferde, -kühe und -schafe.
die Farben der isländischen Kühe / Sicht auf die Schafe von Áshóll im September / die Schafe werden plötzlich zu Persönlichkeiten
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Morgen starten wir nach Nordosten und machen heute Nachmittag einen Abschiedsspaziergang über die Felder und am Fjord entlang. Es ist ein Januar ohne Schnee, was es am Eyjafjördur eigentlich nie gegeben hat…
Spaziergang übers Land von Asholl mit Hofhund Pila / die abgeernteten Kartoffelfelder
Vor einem Jahr war ich mit den Vorbereitungen für meine grosse Reise beschäftigt und wusste noch nichts von all dem, was mich erwartete. Jetzt blicke ich glücklich und reich beschenkt auf die vielen Begegnungen und Eindrücke zurück und geniesse die letzten 2.5 Wochen in Island. Mit Tim reise ich durchs winterliche Land. Wir besuchen Orte und Menschen, bei denen ich in den letzten Monaten war, und entdecken Neues.
Jahresende im tief verschneiten Reykjavik
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Reynisfjara
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Zum zweiten Mal bei der Jökulsárlón. Dieses Mal halten wir uns fern von den Menschenmengen und finden dafür Robben und Seehunde, die Tim durchs Fernglas fotografiert.
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der Svinafellsjökull / unten: auf dem Dyrhólaey
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Auf meiner Reise haben mich immer wieder Bücher begleitet. Durch ihre Geschichten haben Orte und Zeiten für mich Farbe, Gesichter und Atmosphäre erhalten. In den Tagen in Südisland, von denen die Fotos stammen, hat mich “Die Eismalerin” von Kristin Marja Baldursdottir begleitet. Es ist die Geschichte einer starken Mutter, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts allen 6 Kindern – Mädchen und Jungen – eine gute Ausbildung ermöglichen möchte. Und die Geschichte ihrer Tochter Karitas, die weiss, dass sie eine Malerin ist, aber als Ehefrau und Mutter im ländlichen Island mit allem Anderen beschäftigt ist, nur nicht mit Malen. Karitas und ihre Söhne verbringen mehrere Jahre im Gebiet Öræfi, ein isländisches Wort für Einöde oder Wüste. Das Öræfi aus dem Buch gibt es wirklich, es liegt am östlichen Rand der riesigen Sandebene vor dem Skeiðarár-Gletscher, dort, wo auf der Karte unten Fagurholsmyri eingezeichnet ist. Karitas kommt in den 1940-er Jahren nur von Öræfi nur weg, wenn zwei- oder dreimal im Jahr die “Flussmänner” kommen. Diese Männer und ihre Pferde sind die Verbindung zur Aussenwelt, sie bringen Post, Waren und Menschen und nehmen ebensolches mit in die Welt jenseits der fast 40 Kilometer breiten Sandebene mit ihren unzähligen Gletscherflüssen.
Der Skeiðarársandur. Öræfi liegt dort, wo Fagurholsmyri eingezeichnet ist.
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Öræfi war lange Zeit isoliert durch zwei grosse Gewässer, die Reisen sowohl nach Osten als auch nach Westen behinderten. 1967 wurde die Jökulsá im Osten überbrückt und 1974 wurde die Skeiðarárbrú im Westen eröffnet. Erst vor 50 Jahren! Und heute wälzen sich hier die Automassen der Besucherinnen und Besucher über diese Strassen und die reibungslose Verbindung ist eine Selbstverständlichkeit.
Gestern habe ich bei Thöme nachgefragt, über was denn der geneigte Leser in meinem nächsten Beitrag etwas lesen möchte. Über Erdbeben und drohende Vulkanausbrüche, meinte er. Aber ehrlich gesagt weiss ich da auch nicht mehr, sondern eher weniger, als auf den einschlägigen Facebook-Seiten zu finden ist. Der Lavakanal unter Grindavik wird hier als sehr lokales Phänomen betrachtet. Das Zentrum von Reykjavik ist gerade mal 40 Kilometer von Grindavik entfernt, aber es wurde keine Alarmbereitschaft ausgerufen und das Leben geht seinen gewohnten Gang – und ich bin nochmal 70 Kilometer weiter weg. Erdbeben gehören hier zum Alltag, auf meiner Mindmap für die Zeit in Michelle’s Haus habe ich schon ganz am Anfang notiert, dass immer alle Türen der Küchenschränke zu schliessen sind, weil ein Erdbeben sonst die Tassen und Teller aus den Schränken schütteln könnte…
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Aber Reykjavik ist ein gutes Stichwort. Diese Woche war ich 2 Tage in der Stadt, in der rund 40% der isländischen Bevölkerung leben. Es sind ca. 150’000 Menschen in der Stadt und 200’000 in der Agglomeration bei rund 360’000 Personen im ganzen Land. Es war schon mein vierter Besuch in der Stadt und ich erlebe dort immer beides: Inzwischen kenne ich einige Leute und habe sogar eine Freundin, bei der ich übernachten kann; ich kenne gemütliche Orte und Cafés. Und doch hat diese Stadt mit ihrer riesigen Ausdehnung und ihrem wahnsinnigen Verkehr auch Un-Orte und Momente, in denen ich mich frage, warum ich eigentlich hier so ganz allein an dieser verdammt windigen Bushaltestelle stehe und friere, und warum es hier so einen Verkehr gibt, der die Busse im Stau stehen und mich den Anschluss verpassen lässt.
Für Menschen aus dem Ausland, die Island zu ihrer neuen Heimat gemacht haben, ist es nicht ganz einfach, in die isländische Gesellschaft von Reykjavik vorzudringen – und so organisieren sie sich untereinander, um nicht zu einsam zu sein. Durch die Kontakte, die mir Michelle vermittelt hat, bewege ich mich in Reykjavik in dieser internationalen “community”.
Der Vorstand des FKA New Icelanders
Der Verband der Geschäftsfrauen – Félag Kvenna i Atvinnulifinu, FKA – hat eine Gruppe “New Icelanders”, für die ich am Montag an einem Workshop fotografiert habe. Die “New Icelanders” sind alle sehr nett und bringen dem Gegenüber ein aufrichtiges Interesse entgegen, ich fühle mich in dieser Runde sehr gut aufgehoben. Den Abend habe ich im Kreis von polnischen Frauen verbracht, das war einer der herzlichsten und lustigsten Abende, die ich hier in Island erlebt habe.
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Blick aus dem Wohnzimmer meiner Gastgeberin auf die morgendliche Strasse. Es ist fast 9:30, langsam ahne ich, wie dunkel es noch werden kann… / typisches Wohnhaus mit schlichter , schöner Innenarchitektur und sehr gemütlichen Wohnungen Inzwischen ist es gegen 10:30 und ich schaue von der Hallgrimmskirkja Richtung Hafen. Die Häuser der Altstadt sind oft mit buntem Wellblech verkleidet, das die Isolation schützt. Hier gibt es schöne Ecken und gemütliche Cafés
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Aber es gibt auch die Kehrseiten dieser Stadt – und das ist der massive Verkehr und das sind die Un-Orte, die für diesen Verkehr geschaffen wurden. Die ganzen optisch sehr schönen Wohngebiete ausserhalb des Zentrums sind extrem lärmbelastet und die riesigen Strassen machen das Zufussgehen unangenehm (aber hier laufen eh nur Kinder und Touristinnen….).
Die Strassen im Stadtteil Kópavogur
Als Reisende mache ich mir das Leben an einem fremden Ort oft schwieriger, als dies die Einheimischen tun. Ich setze mich der Unwirtlichkeit von Aussenräumen aus, was keine “normale” isländische Person tun würde. Wenn man hier einheimisch ist, organisiert man sich das Leben so, dass man bequem im Auto von A nach B fährt und nicht lange an Bushaltestellen friert oder mitten in der Nacht ewig auf einen Anschluss wartet.
Der Bus von Nationalmuseum Richtung Mjödd steht im Stau…. / Der Bus-Hof Mjödd schliesst abends um 6 – d.h. gerade dann, wenn man ihn brauchen würde – seinen Aufenthaltsraum. Die Alternative ist eine schmuddelige Bank im etwas heruntergekommenen Einkaufszentrum / Auch abends um 6 sind hier nicht viele Menschen zu Fuss unterwegs / Mjödd
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Allerdings hat es mir der kalte, unwirtliche Bus-Hof Mjödd auch irgendwie angetan. Ich habe vor, nochmal mit der Kamera zurück zu kommen und Fotos von den Menschen machen, die hier arbeiten: vom Palästinenser, der das Lokal Sara führt und die Wartenden netterweise bis 23 Uhr duldet, obwohl er eigentlich um 22 Uhr schliesst; von der Frau, die den Wartesaal mit Kiosk und WC betreut und den Leuten um 18 Uhr sagen muss, dass nun Feierabend ist.