Als Geographin und generell interessierte Person kann ich nicht anders, als jede Infotafel zu lesen…. Im Snæfellsnes-Nationalpark stand an der Hauptstrasse ein Strassenschild, auf dem zu lesen war, dass es hier links nach Laugarbrekka gehe, und dass von hier eine der berühmtesten Frauen Islands stamme. Also drücke ich auf die Bremse, fahre auf den Parkplatz und stehe vor Guðríður Þorbjarnardóttir. Guðríður war die erste Frau, die ein Kind europäischer Abstammung auf dem amerikanischen Kontinent zur Welt brachte – und das ums Jahr 1000 herum! Sie war offenbar die treibende Kraft hinter dieser und anderen Reisen, und ich freue mich, dass effektiv sie mit ihrer Geschichte in einer Statue verewigt ist – und nicht die Männer an ihrer Seite.


Wie ich so vor Guðríður stehe, fällt mir auf, dass sich die meisten isländischen Geschichten um einzelne Personen drehen. Die ganze Sammlung der Heldensagen, die Islands Besiedlung und die Gründung der ersten Orte und der ersten politischen Ordnung beschreiben, sind Geschichten von Einzelkämpfern. Die Helden gehören zwar einem Familienverband an, handeln aber oft eigenmächtig und impulsiv, so dass sie und andere dann schwer an den Konsequenzen tragen… Die Geschichte von Bárðar, festgehalten auf der Wand einer alten Lagerhalle in Hellissandur, ist so eine Geschichte.

Die Bárðar-Sage wurde im 14. Jahrhundert aufgeschrieben und erzählt die Geschichte des ersten Siedlers der Snæfellsnes. Bárðar ist ein Albe (halb Mensch, halb Riese), der einerseits den Menschen zu Hilfe kommt, wenn sie von Trollen und Riesen belästigt werden. Andererseits übt er jähzornig Selbstjustiz und bringt seine Neffen um, weil sie seine Tochter auf eine Eisscholle gestossen haben und sie Richtung Grönland davon treibt. Bárðar verschwindet nach seiner Tat im Gletscher und wird zu einer geheimnisvollen Gestalt, zum Beschützer von Land und Leuten auf Snæfellsnes. Also eben doch ein Held, trotz seiner Brutalität.
Auch das heroische Schaf auf dieser Fassade in Hellissandur scheint mir eher eine Einzelkämpferin zu sein, obwohl bei den Schafen ja die Herdenintelligenz sehr wichtig und ihr soziales Zusammenspiel hoch entwickelt ist.

Ich weiss natürlich, dass wir oft das sehen, was wir sehen möchten – aber nichts destotrotz scheint es mir so, dass auch die isländische politische Berichterstattung meist von einzelnen Personen berichtet. Je nachdem, um was es geht, sind sie die Heldinnen und Helden – oder das Gegenteil davon. Nicht “die Regierung” hat etwas beschlossen, sondern “Katrín” (die Premierministerin Katrín Jakobsdóttir) hat etwas beschlossen. Als die Regierung Ende August den Walfang wieder erlaubte, war es in den Medien Svandís Svavarsdóttir, die zuständige Ministerin, die den Walfang wieder erlaubt hat. Je nach Standpunkt Heldin oder Anti-Heldin.



















