Von einer Welt in die andere

Seit 8 Monaten bin ich nun unterwegs. Ich denke (und hoffe…) , dass ich nach einem Jahr Unterwegssein genug davon haben werde. Im Moment bin ich allerdings noch sehr freudig unterwegs, verabschiede mich mit etwas Wehmut von lieben Menschen und schönen Orten, freue mich, mit meiner grossen Tasche weiter zu ziehen und in immer wieder neue Welten einzutauchen. Es gibt so viel Unbekanntes und Inspirierendes zu entdecken, so nette Menschen überall.

Vom Hof am Eyjafjördur, von Anna und ihrer Familie, die seit Generationen in dieser Gegend lebt, bin ich in den Südwesten von Island gezogen, nach Borganes. Zu Michelle Bird, einer Künstlerin, die ursprünglich aus den USA stammt, in vielen Ländern gelebt hat und nun seit 10 Jahren in Island lebt und hier eine bekannte und extrem gut vernetzte Person ist.

Heute stürmt es draussen und aus dem Küchenfenster sehe ich ein graublaues aufgewühltes Meer. Mir scheint Michelle’s wunderschönes Haus der richtige Ort zu sein, um mich für einige Monate niederzulassen und zu erleben, wie es dunkler und (noch) kälter wird.

am Eyjafjördur ist es kälter geworden / Anna hat Abschiedswaffeln gebacken / auch Kunst – der wunderbare Werkzeugschuppen auf Áshóll
zwischen den Welten
neue Farben und Formen / Michelle in ihrer Küche, umgeben von ihrer Kunst / Wochenendworkshop

Áshóll – bragðgæði ad norðan

“Áshóll – Wohlgeschmack aus dem Norden” – die Kartoffeln sind geerntet!

Gerade vor dem schlechten Wetter vor einer Woche sind wir fertig geworden. Fünf Wochen lang haben wir täglich geerntet und, wenn ich mich richtig erinnere, nur 1 oder 2 Mal im Nieselregen. Der isländische Herbst hat sich von der besten Seite gezeigt.

Nun sind die übrigen Arbeiten dran, die am Ende der landwirtschaftlichen und touristischen Hauptsaison anfallen. Wir putzen Maschinen und Fahrzeuge, streichen Bänke und Wände, reinigen die Ferienhäuser gründlich. Ich vermisse die Erntearbeit schon etwas, auch wenn die 5-Stunden Schichten bei Wind und Kälte manchmal nicht ganz einfach waren. Aber wir waren immer draussen unter dem weiten Himmel, mit Blick auf die Licht- und Wolkenspiele über dem Eyjafjördur. Ich bin in diesen Wochen sehr ruhig und zufrieden geworden, und zu meiner grossen Überraschung vor dem Spiegel im Schwimmbad sehe ich es auch meinem Oberkörper und meinen Armen an, dass ich körperlich gearbeitet habe und nicht am Computer sass…

Ich nutze die Gelegenheit, um noch einmal an die verschiedenen Arbeiten und Momente der Erntezeit zu denken. Danach steige ich auf den Laufasnajukur hinter dem Hof, die Sonne strahlt auf die gelben Bäume und den blauen Fjord!

Die letzten Säcke vor abgeernteten Feldern. In den grossen Säcken haben rund 500 kg Kartoffeln Platz, insgesamt haben wir ungefähr 300 Tonnen geerntet.

Wildgänse von der Erntemaschine aus gesehen

Und zum Schluss die Erntemaschine auf dem Feld unten am Fjord

Alltag auf Áshóll

Die Isländerinnen und Isländer halten Rekorde im Lesen und Publizieren. 93% der Menschen hier lesen mindestens 1 Buch pro Jahr und das Land hat weltweit die meisten Autorinnen und Autoren pro Kopf. Aber davon ein anderes Mal. Ich erwähne das hier nur, weil die Titel meiner Berichte im Gegensatz zu den literarischen Rekorden des Landes aktuell etwas knapp ausfallen – was die Routine und die eher knappe Kommunikation hier auf dem Hof widerspiegelt.

Meine Tage haben eine ruhige Routine: wir ernten Kartoffeln, essen gut, sind in den freien Stunden draussen unterwegs, essen wieder gut und spielen abends vielleicht noch etwas. Der Austausch zwischen uns drei Helferinnen und den Gastgebern Ana und Sveinn kommt dabei etwas zu kurz. Sveinn spricht kaum Englisch und Ana, eine sehr nette und offene Person, ist mit ihren unzähligen Aufgaben so beschäftigt, dass sich unsere Gespräche hauptsächlich um die anstehenden Arbeiten drehen. Letzten Mittwoch hat sie mich mit dem Schulbus mitgenommen und so hatte ich etwas Zeit, mich mit ihr zu unterhalten. Sveinn hingegen ist immer noch der grosse Unbekannte für mich und so ist dieser Text kein Porträt der Beiden sondern nur eins von Ana geworden.

Ana in ihrem Element

Ana Bára [baura] Bergvinsdottir hat den Hof Áshóll von ihren Eltern übernommen. Inzwischen ist er einer von 2 grossen Höfen, die entlang des Eyjafjördur Kartoffeln anbauen, zur Zeit ihres Grossvaters waren es noch 40 Betriebe. Angebaut werden die isländischen Sorten Gullauga [gutl-öga], Goldauge, und Rauðar [röthar], die Rote, und als dritte Sorte die holländischen Premier. Beim Kartoffelanbau machen Ana und Sveinn alles selber, vom Setzen im Mai über die Ernte im Herbst mit den “Workawayern” bis zum Waschen, Verpacken und zum Teil auch Ausliefern. Und dann sind da als zweite Einnahmequelle noch die 1000 Schafe, die mir allerdings vor allem als von Ana zubereitetes Abendessen begegnen.

Ana ist die hauptsächliche Hofmanagerin, sie macht die Administration am Computer und organisiert die Leute, die über Workaway kommen. Sie führt den Haushalt, putzt und kocht meist für alle. Sie kümmert sich ausserdem um die Pferde und fährt 1-2 Mal am Tag den lokalen Schulbus, der 6-10 Kinder von den Höfen in die Schule in Greinivik bringt. Ana ist ebenso für die Vermietung des hofeigenen Ferienhauses und für die Reinigung der 5 Ferienwohnungen nebenan zuständig. Und ist natürlich stundenlang bei allen anstehenden Arbeiten auf dem Feld dabei, ein insgesamt unglaubliches Pensum. Das Beeindruckendste dabei ist: sie ist so ruhig, freundlich und zufrieden.

Ich weiss inzwischen, dass Ana sich ihre kleinen Ausflüge in den Alltag einbaut. Zu den Ferienwohnungen nebenan, die 2 Kilometer entfernt sind, ist sie vorgestern über den Berg gelaufen, anstatt das Auto zu nehmen. Ganz begeistert hat sie am nächsten Morgen erzählt, wie sie dabei über den Nebel und in die Sonne gekommen ist.

Die Geschichten und der Alltag der Frauen und überhaupt der Menschen in der Landwirtschaft scheinen mir in Island nicht viel anders zu sein als bei uns. Allerdings habe ich in der Schweiz die Arbeit auf einem grossen Hof noch nie so hautnah erlebt und so ist das eine spannende Erfahrung.

Abendstimmung auf Asholl

Kartoffeln und Schafe

Ich bin gelandet: auf dem Hof Áshóll [ausch-hötl], am östlichen Ufer des Eyafjördur in Nordisland, und mitten in der Kartoffelernte. Während es mir in “Les Racines du Ciel” manchmal etwas suspekt war, dass Andere die Arbeit machen, sind wir drei “Workawayer” hier fester und wichtiger Bestandteil des Teams und stehen im Moment meist auf der Erntemaschine und sortieren alles aus, was keine Kartoffel oder eine grüne, verfaulte oder beschädigte Kartoffel ist.

Das wunderschöne weite Land von Asholl. Rechts ganz klein die Erntemaschine, links am Wasser noch kleiner einige wenige Schafe.

Und natürlich die Schafe! Mit den Lämmern sind es im Moment ca. 1000 Stück. Sie waren den Sommer über in den Bergen und werden jetzt nach und nach zurück geholt. Etwa die Hälfte sind schon hier, wir haben sie vorgestern von der Weide in den Stall getrieben, wo sie sortiert wurden: welche gehören effektiv zum Hof, welche gehören den Nachbarn.

Zum Hof gehören 50 ha Land, wobei auch der Anteil am gemeinschaftlich genutzten Weideland in den Bergen dazu zählt. Zu meiner grossen Freude sind die Berge direkt hinterm Haus und so ist diese Mischung ganz wunderbar: ich arbeite 5 Stunden am Tag und habe viel Zeit um die Berge oder die Ufer des Fjords zu erkunden und unter dem weiten Himmel unterwegs zu sein.

Blick vom Laufashnjukur auf Asholl und den Eyafjördur