Ewige Dämmerung und landwirtschaftliche Genossenschaften

Ich staune jeden Tag, dass es ja doch noch hell wird. Die kürzesten Tage in Island hatte ich mir dunkler vorgestellt. Ein tiefes Dunkelblau oder Schwarz, das die Tage prägt. Und tatsächlich schien mir im November in Borgarnes die Dunkelheit viel dunkler als jetzt in Minni Akrar. In Borgarnes habe ich aus dem Kunstlicht in den Abend oder die Nacht geblinzelt und alles jenseits der Strassenlampen sah schon früh einfach schwarz aus. In der einsamen Landschaft von Minni Akrar haben sich meine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt. Die Mittagszeit kommt mir hell vor und bis halb 5 kann ich spazieren und dabei noch etwas sehen.

Spaziergang am Sonntag Nachmittag

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Das Dämmerlicht steht den landwirtschaftlich geprägten Gegenden gut, finde ich. Ich erlebe die isländische Landwirtschaft als raues Metier und ich sehe, dass die Ställe hier in der Gegend oder die Kartoffel-Wasch- und Verpackungsanlage in Akureyri aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen scheinen. Auf den Höfen ist nicht viel Geld vorhanden –  obwohl (oder: weil?) zum Beispiel die Milch von Minni Akrar nicht in der kleinen Chäsi sondern in der grossen Fabrik der mächtigen landwirtschaftlichen Genossenschaft “Kaupfélag Skagfirðinga” verarbeitet wird.

Die Rinder von Minni Akrar, die nicht gemolken werden, bleiben auch im Winter draussen.

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Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass zu Brúnastaðir auch ein moderner Laufstall für 60 (?) Milchkühe gehört, allerdings ist die Familie gar nicht so glücklich damit.

Zum Thema der mächtigen landwirtschaftlichen Genossenschaften hat Guðrún mir einen wirklich guten Film empfohlen, er ist auf den gängigen Plattformen zu mieten.

Die karge raue Landschaft, die viel arbeitenden und willensstarken Menschen auf ihren Höfen ohne Vorgärten und Schnickschnack – mir kommt das alles sehr vertraut vor.

Wer sich ein Bild der isländischen Landwirtschaft machen möchte, sollte sich diesen Film anschauen (hier der Trailer).

Lífið á Minni Ökrum

Das Leben in Minni Akrar, dem “kleinen Acker”. Für mich viel Neues, Inspirierendes und Berührendes, Zwiespältiges auch, viele nette Gespräche am Küchentisch, viel Arbeit.

Vagn hat uns heute nach dem Mittagessen ein kleines Fotoalbum gezeigt: vor 20 Jahren lebte hier ein junges Paar mit 4 Kindern in einem kleinen vollgestopften aber sehr kuscheligem Holzhaus. Heute leben je nach Wochentag bis zu 17 Personen in zwei kleinen, vollgestopften aber immer noch kuscheligen Häusern. Die Eltern Guðrún und Vagn, 4 erwachsene Kinder, deren Kinder und Partner/-innen, plus die Helferinnen.

Alle 4 Kinder der Familie sind jung, d.h. zwischen 18 und 23, Mutter oder Vater geworden. Ich habe mir sagen lassen, dass es in Island aktuell Tendenz ist, jung Kinder zu haben. Wenn ich mir anschaue, wie unkompliziert hier alle mit den Kindern umgehen – ganz egal ob das Kind das eigene, das des Bruders oder das der Partnerin aus einer früheren Beziehung ist – finde ich das junge Elternsein toll, das ist mir glaube ich noch nie passiert. Der Mutter- und Vaterschaftsurlaub beträgt je 6 Monate, in denen 80% des Gehalts bezahlt werden. Als ein “essentieller Schritt zur Geschlechtergleichstellung” wird diese Regelung verstanden, da könnten andere Länder noch etwas lernen.

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Minni Akrar war über Generationen ein Schaf- und Kuhhof, bis vor Jahren die ganze Schafherde wegen einer Prionen-Erkrankung geschlachtet werden musste. Bauer Vagn meinte heute beim Kaffee, dass ihm die Schafe bessere Freunde waren und er sie vermisst. Die 30 Kühe (gestern waren es noch 31), die zusammen täglich rund 600 Liter Milch produzieren, stehen im langen Winter tagaus tagein in einem Stall der alten Art und sind in ihren Boxen angebunden, das finde ich nicht ganz einfach zu ertragen. Sohn Stefan wird ab 2024 hauptberuflich auf dem Hof arbeiten: gerade hat er mir von seinen Plänen erzählt, einen modernen Laufstall mit Milchroboter zu bauen, hoffentlich wird dieser Traum wahr.

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Minni Akrar liegt in einer wunderbaren weiten Landschaft in der Gemeinde Skagafjördur, hinter dem Haus zieht sich das Land zu den Bergen hoch. 10 Tage lang war es um minus 10 Grad und klar und ich bin trotz der Kälte viel gelaufen und habe die Weite und das intensive Licht sehr genossen. Verrückt ist auch hier das Hintergrundgeräusch der Fahrzeuge auf der Hauptstrasse, die Strasse Nr. 1 ist buchstäblich überall. Bei einem unserer Kaffee-Gespräche habe ich erfahren, dass alle Güter, die per Schiff nach Island kommen, in Reykjavik ausgeladen und dann auf Lastwagen umgeladen werden. Früher wurden sie per Schiff in den Norden oder Osten des Landes gebracht, heute werden sie spät abends mit Lastwagen auf der Strasse Nr.1 transportiert.

Norðurljós / Nordlicht

Nordlicht ist für mich nicht nur das Polarlicht, sondern überhaupt das Licht im Winter auf fast 66 Grad nördlicher Breite. Unglaublich dunkel muss es früher in den langen isländischen Winternächten gewesen sein, und jedes Licht so wertvoll.

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Der Museums-Torfhof Glaumbær war letzten Sonntag belebt von einer Theatergruppe, die das frühere Leben in den aus Torf gebauten Häusern nachspielte. Es gab keine Beleuchtung, die Besucherinnen und Besuchern leuchteten sich selber den Weg durch die Häuser, bis sie im einen oder anderen Raum auf Leute stiessen, die dort sangen, Geschichten erzählten oder Wolle spannen. Sehr, sehr beeindruckend.

Heute erhellen unendlich viele Lichter die Dunkelheit. Vier Monate lang, von November bis Februar, leuchtet alles im nächtlichen Island. Häuser, Tankstellen, Schwimmbäder, Bäume, Friedhöfe.

Der Friedhof von Borgarnes am letzten Donnerstag um 16:55.
Das Haus von Hafdis und Ole in Borgarnes

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Die Nächte kommen mir bis jetzt noch gar nicht so lang vor, vielleicht weil sie eben so leuchten. Im Moment kommen hier in Nordisland (ich bin in Minni Akra, in der Nähe von Sauðárkrókur) der Schnee und die Nordlichter hinzu, so dass Nacht auch ganz natürlich leuchtet. Tagsüber herrscht ewiges wunderschönes Zwielicht, das sich langsam von einer Sonnenaufgangs- in eine Sonnenuntergangsstimmung verwandelt.

Borgarnes

Bevor ich Borgarnes wieder verlasse, möchte ich dem Städtchen einen Beitrag widmen – und schon sind wir wieder bei den Isländersagas. Alle Strassen tragen Namen von Figuren oder Orten der Egil-Saga und die 18-jährige Tochter meiner Nachbarn bestätigte mir, dass sie, so wie alle jungen Leute in Borgarnes, diese Saga und ihre Hauptpersonen kennt. Die Egil-Saga spielt von 850 bis 1000, aufgeschrieben wurde sie zwischen 1220 und 40 – und in der englischen Ausgabe aus dem Jahr 2000, die ich lese, begegne ich Menschen, deren Geschichten spannend und auch heute noch verständlich sind. Da gibt es habgierige und bescheidenere Leute, da werden Allianzen geschmiedet und Freundschaften gepflegt, da wird auch mal geschmollt oder ein Kopf vor Ärger rot, und um einem Konflikt zu entgehen, segelt man von Norwegen übers Meer und lässt sich in Island nieder. Und das eben genau hier, in Borgarnes. Plötzlich erkenne ich Ursprünge mir bekannter Ortsnamen: Sigga’s Hof (der mit den Ziegenspaziergängen) heisst Gufuá, und dem “Dampffluss” Gufuá bin ich heute in der Lektüre der Saga begegnet.

Die Steinpyramide erinnert an einen der 9 Orte, die in der Egils Geschichte vorkommen. Die Inschrift lautet: kinu við tólf spjót og skildir nokkurir – From here twelve spears and shields were seen shining. Das Bild ist letzten Donnerstag mittags entstanden – inzwischen steigt die Sonne nicht mehr sehr hoch…

Die Isländersagas waren die ersten grossen Prosawerke, die in einer europäischen Sprache verfasst wurden – und dies von so einer kleinen Nation.

1000 Jahre später wohnen auch nicht wesentlich mehr Menschen hier. Das Städtchen Borgarnes mit seinen 2’200 Menschen ist der Hauptort der Gemeinde Borgarbyggð, in der 4’100 Menschen auf 4’926 km2 Fläche leben (was fast 1/8 der Fläche der Schweiz ist). In Borgarnes gibt es verschiedene Schulen inkl. Gymnasium, ein grosses Sportzentrum mit Schwimmbad und eine grosse Supermarkt-Tankstellen-Überlandbus-Fast Food Restaurant-Anlage, die direkt an Islands Ringstrasse liegt und wo auch im Winter immer wieder Reisebusse stoppen. Daneben als Kehrseite ein etwas heruntergekommenes “Downtown”, aus dem viele Betriebe abgewandert sind.

Blick von “meiner” Strasse Richtung Zentrum / auf dem Heimweg von der Bushaltstelle

In Borgarnes läuft niemand, der es verhindern kann. Kinder und Touristen sehe ich auf der Strasse, sonst niemanden. Meine Bilder des Ortes zeigen immer menschenleere Strassen, dafür findet man hinter den Türen freundliche Menschen. Zum Beispiel im þvottahús, der Wäscherei.

Das freundliche und hart arbeitende Team des þvottahússins: Julio, Maria und Irina.

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Ich habe das Glück, die netten Menschen auch einfach im Nachbarhaus zu finden:

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Ende Woche verlasse ich Borgarnes, um noch einmal von einer Welt in die andere zu ziehen. Im Dezember bin ich in Minni-Akrar, auf einem Milchwirtschaftshof, in dem Kühe gemolken werden müssen und der Stall geputzt sein will. Ich bin gespannt! Ein bisschen wehmütig bin ich beim Abschied von Borgarnes.