Aussichten / útsýni

Es ist mal wieder Zeit für Aussichten und Landschaften. Es ist ja effektiv so, dass dieses grosse und dünn besiedelte Land aus wunderbaren Landschaften und oft sagenhaftem Licht besteht. Aber wenn man sich in einem isländischen Alltag einfindet, sind die Landschaften eben nicht alles – das ist ja genau der Punkt des langsamen Reisens, bei dem man auch unter die Oberfläche der Orte schaut. Und trotzdem sind sie natürlich das, was mich ursprünglich hier her gebracht hat.

Ich habe das Glück, im “Arthouse Borgarnes”, das ich im Moment für Michelle bewohne, während sie reist, auf zwei Seiten direkt auf den Borgarfjördur zu schauen. Manchmal habe ich den Eindruck, das Wasser mit seiner ewigen Bewegung und seinen Launen und Stimmungen sei ein Teil von mir geworden. Es ist so nah und allgegenwärtig.

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Stürme kann ich von der warmen Stube aus beobachten.

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Und trotzdem bewege ich mich ab und zu aus der warmen Stube hinaus und steige auf einen Berg, wie hier auf den Baula. Solange ich nicht bei einer mit dem Auto zu erreichenden Sehenswürdigkeit bin, ist es sogar für meinen Geschmack einsam genug.

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Auch das ist eine isländische Landschaft: die Gurkengewächshäuser des Laugaland in Varmaland. Sie werden mit dem lokalen heissen Wasser geheizt und schon seit 80 Jahren produziert die selbe Besitzerfamilie hier Gurken, 250 Tonnen pro Jahr.

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Und zur nächtlichen Landschaft gehören natürlich die Polarlichter! Sie sind seltener zu sehen, als ich dachte, aber extrem beeindruckend, wie sie so über den Himmel tanzen. In fast 3 Monaten hatte ich 7 Nächte, in denen es nicht bewölkt war und die Sonnenstürme, die die Polarlichter hervorbringen, aktiv waren.

Reykjavik: Geborgenheit und Un-Orte

Gestern habe ich bei Thöme nachgefragt, über was denn der geneigte Leser in meinem nächsten Beitrag etwas lesen möchte. Über Erdbeben und drohende Vulkanausbrüche, meinte er. Aber ehrlich gesagt weiss ich da auch nicht mehr, sondern eher weniger, als auf den einschlägigen Facebook-Seiten zu finden ist. Der Lavakanal unter Grindavik wird hier als sehr lokales Phänomen betrachtet. Das Zentrum von Reykjavik ist gerade mal 40 Kilometer von Grindavik entfernt, aber es wurde keine Alarmbereitschaft ausgerufen und das Leben geht seinen gewohnten Gang – und ich bin nochmal 70 Kilometer weiter weg. Erdbeben gehören hier zum Alltag, auf meiner Mindmap für die Zeit in Michelle’s Haus habe ich schon ganz am Anfang notiert, dass immer alle Türen der Küchenschränke zu schliessen sind, weil ein Erdbeben sonst die Tassen und Teller aus den Schränken schütteln könnte…

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Aber Reykjavik ist ein gutes Stichwort. Diese Woche war ich 2 Tage in der Stadt, in der rund 40% der isländischen Bevölkerung leben. Es sind ca. 150’000 Menschen in der Stadt und 200’000 in der Agglomeration bei rund 360’000 Personen im ganzen Land. Es war schon mein vierter Besuch in der Stadt und ich erlebe dort immer beides: Inzwischen kenne ich einige Leute und habe sogar eine Freundin, bei der ich übernachten kann; ich kenne gemütliche Orte und Cafés. Und doch hat diese Stadt mit ihrer riesigen Ausdehnung und ihrem wahnsinnigen Verkehr auch Un-Orte und Momente, in denen ich mich frage, warum ich eigentlich hier so ganz allein an dieser verdammt windigen Bushaltestelle stehe und friere, und warum es hier so einen Verkehr gibt, der die Busse im Stau stehen und mich den Anschluss verpassen lässt.

Für Menschen aus dem Ausland, die Island zu ihrer neuen Heimat gemacht haben, ist es nicht ganz einfach, in die isländische Gesellschaft von Reykjavik vorzudringen – und so organisieren sie sich untereinander, um nicht zu einsam zu sein. Durch die Kontakte, die mir Michelle vermittelt hat, bewege ich mich in Reykjavik in dieser internationalen “community”.

Der Vorstand des FKA New Icelanders

Der Verband der Geschäftsfrauen – Félag Kvenna i Atvinnulifinu, FKA – hat eine Gruppe “New Icelanders”, für die ich am Montag an einem Workshop fotografiert habe. Die “New Icelanders” sind alle sehr nett und bringen dem Gegenüber ein aufrichtiges Interesse entgegen, ich fühle mich in dieser Runde sehr gut aufgehoben. Den Abend habe ich im Kreis von polnischen Frauen verbracht, das war einer der herzlichsten und lustigsten Abende, die ich hier in Island erlebt habe.

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Inzwischen ist es gegen 10:30 und ich schaue von der Hallgrimmskirkja Richtung Hafen. Die Häuser der Altstadt sind oft mit buntem Wellblech verkleidet, das die Isolation schützt. Hier gibt es schöne Ecken und gemütliche Cafés

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Aber es gibt auch die Kehrseiten dieser Stadt – und das ist der massive Verkehr und das sind die Un-Orte, die für diesen Verkehr geschaffen wurden. Die ganzen optisch sehr schönen Wohngebiete ausserhalb des Zentrums sind extrem lärmbelastet und die riesigen Strassen machen das Zufussgehen unangenehm (aber hier laufen eh nur Kinder und Touristinnen….).

Die Strassen im Stadtteil Kópavogur

Als Reisende mache ich mir das Leben an einem fremden Ort oft schwieriger, als dies die Einheimischen tun. Ich setze mich der Unwirtlichkeit von Aussenräumen aus, was keine “normale” isländische Person tun würde. Wenn man hier einheimisch ist, organisiert man sich das Leben so, dass man bequem im Auto von A nach B fährt und nicht lange an Bushaltestellen friert oder mitten in der Nacht ewig auf einen Anschluss wartet.

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Allerdings hat es mir der kalte, unwirtliche Bus-Hof Mjödd auch irgendwie angetan. Ich habe vor, nochmal mit der Kamera zurück zu kommen und Fotos von den Menschen machen, die hier arbeiten: vom Palästinenser, der das Lokal Sara führt und die Wartenden netterweise bis 23 Uhr duldet, obwohl er eigentlich um 22 Uhr schliesst; von der Frau, die den Wartesaal mit Kiosk und WC betreut und den Leuten um 18 Uhr sagen muss, dass nun Feierabend ist.

Geschichten von Heldinnen und Helden

Als Geographin und generell interessierte Person kann ich nicht anders, als jede Infotafel zu lesen…. Im Snæfellsnes-Nationalpark stand an der Hauptstrasse ein Strassenschild, auf dem zu lesen war, dass es hier links nach Laugarbrekka gehe, und dass von hier eine der berühmtesten Frauen Islands stamme. Also drücke ich auf die Bremse, fahre auf den Parkplatz und stehe vor Guðríður Þorbjarnardóttir. Guðríður war die erste Frau, die ein Kind europäischer Abstammung auf dem amerikanischen Kontinent zur Welt brachte – und das ums Jahr 1000 herum! Sie war offenbar die treibende Kraft hinter dieser und anderen Reisen, und ich freue mich, dass effektiv sie mit ihrer Geschichte in einer Statue verewigt ist – und nicht die Männer an ihrer Seite.

Wie ich so vor Guðríður stehe, fällt mir auf, dass sich die meisten isländischen Geschichten um einzelne Personen drehen. Die ganze Sammlung der Heldensagen, die Islands Besiedlung und die Gründung der ersten Orte und der ersten politischen Ordnung beschreiben, sind Geschichten von Einzelkämpfern. Die Helden gehören zwar einem Familienverband an, handeln aber oft eigenmächtig und impulsiv, so dass sie und andere dann schwer an den Konsequenzen tragen… Die Geschichte von Bárðar, festgehalten auf der Wand einer alten Lagerhalle in Hellissandur, ist so eine Geschichte.

Die Bárðar-Sage wurde im 14. Jahrhundert aufgeschrieben und erzählt die Geschichte des ersten Siedlers der Snæfellsnes. Bárðar ist ein Albe (halb Mensch, halb Riese), der einerseits den Menschen zu Hilfe kommt, wenn sie von Trollen und Riesen belästigt werden. Andererseits übt er jähzornig Selbstjustiz und bringt seine Neffen um, weil sie seine Tochter auf eine Eisscholle gestossen haben und sie Richtung Grönland davon treibt. Bárðar verschwindet nach seiner Tat im Gletscher und wird zu einer geheimnisvollen Gestalt, zum Beschützer von Land und Leuten auf Snæfellsnes. Also eben doch ein Held, trotz seiner Brutalität.

Auch das heroische Schaf auf dieser Fassade in Hellissandur scheint mir eher eine Einzelkämpferin zu sein, obwohl bei den Schafen ja die Herdenintelligenz sehr wichtig und ihr soziales Zusammenspiel hoch entwickelt ist.

Ich weiss natürlich, dass wir oft das sehen, was wir sehen möchten – aber nichts destotrotz scheint es mir so, dass auch die isländische politische Berichterstattung meist von einzelnen Personen berichtet. Je nachdem, um was es geht, sind sie die Heldinnen und Helden – oder das Gegenteil davon. Nicht “die Regierung” hat etwas beschlossen, sondern “Katrín” (die Premierministerin Katrín Jakobsdóttir) hat etwas beschlossen. Als die Regierung Ende August den Walfang wieder erlaubte, war es in den Medien Svandís Svavarsdóttir, die zuständige Ministerin, die den Walfang wieder erlaubt hat. Je nach Standpunkt Heldin oder Anti-Heldin.

südostwärts

Und weil das Wetter so gut ist, bin ich auch gleich noch nach Südosten gefahren. Um ehrlich zu sein, bin allerdings nicht ich gefahren, sondern hat mich Laetitia für zwei Tage in ihrem Camper mitgenommen. Diese Reisefreundschaften sind so eine schöne Seite des Unterwegsseins. Plötzlich kreuzen sich Wege und man teilt Gedanken und Lebensgeschichten, Alltag und Reiseerlebnisse  mit Menschen, die man vor ein paar Wochen oder Tagen noch gar nicht kannte.

Wir sind also von Borgarnes an Islands Südküste gefahren und haben dort und unterwegs die Orte angeschaut, die jährlich 2 Millionen Menschen anlocken. Es sind wunderbare Orte und einmalige Naturschauspiele, aber sie haben auch eine Kehrseite, mit der ich noch nicht ganz klar komme.

Nachmittagslicht am Strand vor der Jökulsárlón

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Jökulsárlón – Gletscherlagune

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Weil viele wunderschöne Wasserfälle, Seen und Gletscher wie Edelsteine an der Ringstrasse aufgereiht sind, nehmen unglaublich viele Menschen unglaublich viele Kilometer unter die Räder und fahren die ganze Ringstrasse ab. Diese Strasse Nr. 1 des Landes ist 1400 Kilometer lang und führt um ganz Island. Sogar Ende Oktober ist der Verkehr noch massiv und sind die Parkplätze voll. Ich habe allerdings den Eindruck bekommen, dass es vielen Besucherinnen und Besuchern bei ihrer Reise nicht ums Erlebnis, sondern rein um die schnellen Abenteuer-Bilder geht. Wenn man ein wunderbares Bild der Gletscherlagune mit nach Hause bringt, war man dort, ganz egal, wie gut es einem dort ging, ganz egal, ob man gesungen oder sich über den kostenpflichtigen Parkplatz geärgert hat, egal, wie lange man wirklich dort war. Zu Sinn und Zweck dieses Massentourismus könnte man nun eine ganze Abhandlung schreiben, die hier zu weit führen würde und die es in der Tourismus- Literatur schon gibt.

Oben der Parkplatz in Jökulsarlon. Um ein Abenteuer zu erleben muss man nur vom eigenen Auto in ein anderes Vehikel umsteigen. Aber auch das Auto mit der grossen Bodenfreiheit und den riesigen Rädern ist eigentlich einfach ein Sofa, auf dem man bequem durchs “Abenteuer” schaukelt – zu diesem Schluss kam meine Schwester, als ich ihr erzählt habe, was es hier alles gibt

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Und ich, die ich Landschaften so gerne zu Fuss durchquere und die Schönheit der Umgebung lange auf mich einwirken lasse, bin nun also plötzlich auch an diesen Orten der schnellen touristischen Masse unterwegs, damit tue ich mich etwas schwer.

Und doch hat das Unterwegssein zu Zweit viel Spass gemacht und möchte ich die Eindrücke nicht missen.