Áshóll – bragðgæði ad norðan

“Áshóll – Wohlgeschmack aus dem Norden” – die Kartoffeln sind geerntet!

Gerade vor dem schlechten Wetter vor einer Woche sind wir fertig geworden. Fünf Wochen lang haben wir täglich geerntet und, wenn ich mich richtig erinnere, nur 1 oder 2 Mal im Nieselregen. Der isländische Herbst hat sich von der besten Seite gezeigt.

Nun sind die übrigen Arbeiten dran, die am Ende der landwirtschaftlichen und touristischen Hauptsaison anfallen. Wir putzen Maschinen und Fahrzeuge, streichen Bänke und Wände, reinigen die Ferienhäuser gründlich. Ich vermisse die Erntearbeit schon etwas, auch wenn die 5-Stunden Schichten bei Wind und Kälte manchmal nicht ganz einfach waren. Aber wir waren immer draussen unter dem weiten Himmel, mit Blick auf die Licht- und Wolkenspiele über dem Eyjafjördur. Ich bin in diesen Wochen sehr ruhig und zufrieden geworden, und zu meiner grossen Überraschung vor dem Spiegel im Schwimmbad sehe ich es auch meinem Oberkörper und meinen Armen an, dass ich körperlich gearbeitet habe und nicht am Computer sass…

Ich nutze die Gelegenheit, um noch einmal an die verschiedenen Arbeiten und Momente der Erntezeit zu denken. Danach steige ich auf den Laufasnajukur hinter dem Hof, die Sonne strahlt auf die gelben Bäume und den blauen Fjord!

Die letzten Säcke vor abgeernteten Feldern. In den grossen Säcken haben rund 500 kg Kartoffeln Platz, insgesamt haben wir ungefähr 300 Tonnen geerntet.

Wildgänse von der Erntemaschine aus gesehen

Und zum Schluss die Erntemaschine auf dem Feld unten am Fjord

Die Erde ist eine Kugel

Wenn man so vor sich hinwandert hat man viel Zeit, um über alles mögliche nachzudenken.

Wenn ich irgendwo aufs Meer schaue überlege ich mir immer, wo ich hinkomme, wenn ich jetzt hier einfach immer weiter segle

Als ich letztes Wochenende von Keflavik aufs Meer geschaut habe, ging mir durch den Kopf, dass es ungefähr 2500 Kilometer von Mühlethurnen bis hier sind. Wenn ich von hier nochmal 2500 Kilometer nach Nordwesten reise komme ich grob gesehen zum Nordpol. Und wenn ich von dort nochmal 2000 Kilometer weiter reise bin in Sibirien. Von hier aus sind plötzlich ganz andere Weltgegenden (relativ) nah, denn die Erde ist ja bekanntlich eine Kugel.

So sieht das auf einem Bild aus, das die Erde effektiv als Kugel abbildet und Europa nicht als Zentrum der Welt zeigt. Und ich kann das Ganze auch noch umdrehen, dann wird das Bild noch weniger vertraut – und irgendwie “falsch”?

Die Erde ist eine Kugel, aber wir verkaufen sie uns selbst immer als Scheibe mit dem Zentrum Europa. Dabei ist eine Kugel eben eine Kugel und jeder Blick auf diese Kugel ist genauso richtig. Es gibt kein Oben und kein Unten, es gibt kein Zentrum der Kugel.

Mir fiel plötzlich auf, wie schlimm zum Beispiel Google Maps ist, das wir alle dauernd verwenden: eine krasse Zylinder-Projektion (auch Mercator-Projektion genannt), bei der die Winkel und Formen der Landmassen der Realität entsprechen, die Grössenverhältnisse aber völlig – und zwar wirklich völlig! – falsch sind. Alles, was zwischen dem südlichen und nördlichen Wendekreis, also 23 Grad südlich und nördlich des Äquators liegt, wird relativ gesehen viel zu klein abgebildet. Alles, was in den gemässigten Breitengraden liegt, wird dafür viel zu gross abgebildet, je weiter weg vom Äquator, desto verzerrter. Und alle bewegen sich immer auf Google Maps oder auf anderen derart verzerrten Karten und lernen dieses Bild als das normale Abbild der Erde anzuschauen. Kaum jemand hat mehr einen Globus zu Hause, d.h. kaum jemand sieht die Erde wirklich als Kugel.

Wenn ich wieder zu Hause bin werde ich mir einen frei beweglichen Globus suchen. Dann kann ich mir die Erde mal so und mal so drehen, mal mit dem Nordpol als Zentrum der Welt, mal mit dem Libanon als Zentrum der Welt …

Hier habe ich meinen Globus mal etwas anders ausgerichtet und so entsteht dieses auf den ersten Blick unbekannte Bild. Die Variante mit dem Nahen Osten im Zentrum der Welt zeigt die Grössenverhältnisse zwischen dem kleinen Europa und dem riesigen afrikanischen Kontinent, oder schon nur der ebenfalls riesigen saudiarabischen Halbinsel.

Drei Tage in der Einsamkeit der Halbinsel Gjögskagi

Am Samstag morgen um 6 bin ich losgezogen, sehr vorfreudig aber auch im Wissen, dass ich gut auf mich aufpassen muss, weil ich drei Tage lang niemandem begegnen und keinen Handyempfang haben werde. Der sonntägliche digitale Blumenstrauss meiner Schwiegermutter hat mich dann zu meiner grossen Überraschung trotzdem erreicht und gefreut, vielleicht sind heutzutage sogar die kleinen Leuchttürme mit Handyantennen ausgestattet…

Am Ende des 19. Jahrhunderts lebten auf der Halbinsel nördlich von Áshóll noch mehrere Hundert Personen, in kleinen einsamen Höfen, die per Schiff oder zu Fuss erreichbar waren. Das Leben in dieser Einsamkeit muss extrem rau gewesen sein. Das Buch „Der Schmerz der Engel“ von Jón Kalman Stefánsson habe ich schon vor langer Zeit gelesen und mir sind die Bilder geblieben: Der Briefträger und sein Gehilfe, die im Winter nicht nur Briefe, sondern auch Lebensnotwendiges zu den abgelegenen Höfen bringen, kämpfen mit Schneestürmen und Lawinen. In den Orten angekommen, müssen sich sich regelrecht nach unten graben, um die Menschen, die sich in den Torfhäusern um die Wärme des Ofens versammeln, überhaupt zu finden. Heute erinnern kleine Tafeln an diese Orte und an den besonders schönen Plätzen, so scheint es mir, stehen Schutzhütten der isländischen Lebensrettungsgesellschaft.

Die Schutzhütte in Keflavik, die von aussen so unscheinbar aussieht. Links auf dem kleinen Hügel standen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mehrere kleine Gebäude.
Kunst in der Landschaft oder das Wasch- und WC-Häuschen im weiten Keflavikdalur

Und zum Glück ist es noch nicht Winter und so konnte ich zu Fuss – wenn auch mit ziemlich nassen Füssen- und ohne Lawinengefahr von Grenivik über Látur nach Keflavik wandern, von dort der Küste entlang nach Þönglabakki (Þ wird wie ein weiches englisches “th” ausgesprochen) und an der gewaltigen Flussebene der Auslurá nach Gil und wieder zurück nach Áshóll. Die Ortsnamen sind wahrscheinlich nicht für alle Leserinnen und Leser wirklich relevant, aber ich schreibe ja immer auch ein bisschen für mich, für später 🙂

Die Bucht von Þönglabakki – auch hier keine Menschenseele, nur ein kleiner Polarfuchs

Es waren drei intensive Tage in einer völlig anderen Welt: weite Täler, mit wunderbaren Mäandern der Flüsse, dunkle Berge an deren Hänge die Büsche in Gelb und das Laub der Heidelbeeren in Rot leuchteten, hellgrünes Moos in den Bachläufen und oft der Blick auf die Weite des Meeres. Es war aber auch anstrengend, weil die Etappen lang und die Wege nicht immer einfach zu finden waren, unzählige Bäche und Flüsse gequert werden mussten und es am dritten Tag nur wenige Grad über Null war und geregnet hat. Aber kaum bin ich wieder „home“ in Áshóll, überlege ich schon, wie ich es anstellen kann, noch einmal Zeit in dieser einsamen Landschaft und den kleinen Hütten direkt am Meer zu verbringen.

Als ich nach der Wanderung zurück kam und mir einen Tee gemacht habe, fiel mir plötzlich zum ersten Mal auf, was es so hoch im Norden alles nicht gibt: es gibt keinen Zwetschgenkuchen mit oder ohne Nidle und es gibt auch keinen frischen Apfelkuchen als Ersatz…

Alltag auf Áshóll

Die Isländerinnen und Isländer halten Rekorde im Lesen und Publizieren. 93% der Menschen hier lesen mindestens 1 Buch pro Jahr und das Land hat weltweit die meisten Autorinnen und Autoren pro Kopf. Aber davon ein anderes Mal. Ich erwähne das hier nur, weil die Titel meiner Berichte im Gegensatz zu den literarischen Rekorden des Landes aktuell etwas knapp ausfallen – was die Routine und die eher knappe Kommunikation hier auf dem Hof widerspiegelt.

Meine Tage haben eine ruhige Routine: wir ernten Kartoffeln, essen gut, sind in den freien Stunden draussen unterwegs, essen wieder gut und spielen abends vielleicht noch etwas. Der Austausch zwischen uns drei Helferinnen und den Gastgebern Ana und Sveinn kommt dabei etwas zu kurz. Sveinn spricht kaum Englisch und Ana, eine sehr nette und offene Person, ist mit ihren unzähligen Aufgaben so beschäftigt, dass sich unsere Gespräche hauptsächlich um die anstehenden Arbeiten drehen. Letzten Mittwoch hat sie mich mit dem Schulbus mitgenommen und so hatte ich etwas Zeit, mich mit ihr zu unterhalten. Sveinn hingegen ist immer noch der grosse Unbekannte für mich und so ist dieser Text kein Porträt der Beiden sondern nur eins von Ana geworden.

Ana in ihrem Element

Ana Bára [baura] Bergvinsdottir hat den Hof Áshóll von ihren Eltern übernommen. Inzwischen ist er einer von 2 grossen Höfen, die entlang des Eyjafjördur Kartoffeln anbauen, zur Zeit ihres Grossvaters waren es noch 40 Betriebe. Angebaut werden die isländischen Sorten Gullauga [gutl-öga], Goldauge, und Rauðar [röthar], die Rote, und als dritte Sorte die holländischen Premier. Beim Kartoffelanbau machen Ana und Sveinn alles selber, vom Setzen im Mai über die Ernte im Herbst mit den “Workawayern” bis zum Waschen, Verpacken und zum Teil auch Ausliefern. Und dann sind da als zweite Einnahmequelle noch die 1000 Schafe, die mir allerdings vor allem als von Ana zubereitetes Abendessen begegnen.

Ana ist die hauptsächliche Hofmanagerin, sie macht die Administration am Computer und organisiert die Leute, die über Workaway kommen. Sie führt den Haushalt, putzt und kocht meist für alle. Sie kümmert sich ausserdem um die Pferde und fährt 1-2 Mal am Tag den lokalen Schulbus, der 6-10 Kinder von den Höfen in die Schule in Greinivik bringt. Ana ist ebenso für die Vermietung des hofeigenen Ferienhauses und für die Reinigung der 5 Ferienwohnungen nebenan zuständig. Und ist natürlich stundenlang bei allen anstehenden Arbeiten auf dem Feld dabei, ein insgesamt unglaubliches Pensum. Das Beeindruckendste dabei ist: sie ist so ruhig, freundlich und zufrieden.

Ich weiss inzwischen, dass Ana sich ihre kleinen Ausflüge in den Alltag einbaut. Zu den Ferienwohnungen nebenan, die 2 Kilometer entfernt sind, ist sie vorgestern über den Berg gelaufen, anstatt das Auto zu nehmen. Ganz begeistert hat sie am nächsten Morgen erzählt, wie sie dabei über den Nebel und in die Sonne gekommen ist.

Die Geschichten und der Alltag der Frauen und überhaupt der Menschen in der Landwirtschaft scheinen mir in Island nicht viel anders zu sein als bei uns. Allerdings habe ich in der Schweiz die Arbeit auf einem grossen Hof noch nie so hautnah erlebt und so ist das eine spannende Erfahrung.

Abendstimmung auf Asholl