LMT, Ehden to Afqa

Schon bin ich wieder 7 Tage gelaufen und dieses tägliche Unterwegssein in Sonne, Wind und spannenden Landschaften hat grosses Suchtpotential. Obwohl ich mich so langsam bewege, sind die Tage voller Eindrücke. Ich habe sogar wieder angefangen, jeden Tag einen kurzen (oder auch längeren) Tagebuch Eintrag zu machen, obwohl ich das doch gar nicht mehr wollte…

Samstag, Qadisha Valley. Das heilige Tal der maronitischen Christen, in dem es seit den frühsten Jahren des Christentums Einsiedeleien und Kloster gibt. Ein heiliges Tal auch durch die Schönheit seiner Natur, üppige Pinien, Zypressen, Eichen und Nussbäume und riesige wilde Wasserfälle.

Sonntag, Col des Cèdres. Am Sonntag habe ich eine Pause gemacht und war…. wandern 🙂 Der LMT zieht sich immer knapp unterhalb der höchsten Bergkette entlang und ich musste einfach mal schauen, wie es ganz oben aussieht. Die Passstrasse in die Beqaa ist noch wegen Schnee gesperrt und ich war ganz alleine beim kleinen Marienbildstock auf der Passhöhe.

Montag, Beyt el Hara Guesthouse in Hadath el Jebbeh. Ein typisches Wohnzimmer im Libanon: der Ofen in der Mitte, darum herum Platz für fast beliebig viele Gäste. Hier in einem alten Haus, aber auch in den neuen Häusern zu finden. Im Libanon verabredet man sich nicht lange vorher zu einem Besuch, sondern klopft spontan an. Die Leute leben viel mehr als bei uns in ihren Netzwerken von Familie und Freunden. Am Montagabend hätte ich auch in diesem netten Guesthouse ein paar Leute geschätzt, aber ich war ganz alleine in der gemütlichen Stube.

Dienstag, Tannourine. In den christlichen Gemeinden sind Kreuze (auf jedem zweiten Berg), Marienstatuen (vor vielen Privathäusern und in jedem öffentlichen Ort, der sich irgendwie anbietet) und Bilder und Statuen der Heiligen (überall) für meinen Geschmack etwas zu offensiv platziert. Hier ein Bild des Heiligen Charbal, der im 19. Jahrhundert gelebt hat, und dessen Antlitz allgegenwärtig ist.

Mittwoch, auf dem Weg nach Aaqoura. Ich sehe hier immer wieder riesige Anlagen, für die Private ganze Bergflanken umgestalten.

Donnerstag, auf dem Weg nach Afqa. Ich habe die Gruppe, die neben dem Wanderweg picknickt, schon von weiter oben gesehen. Ein junger Mann und vier Frauen in schwarzen Gewändern. Ui , dachte ich, da mache ich vielleicht lieber einen Bogen, wer weiss, was sie über meine kurzen Hosen denken… Kurz darauf war ich herzlich in ihrer Picknick-Runde aufgenommen, hatte einen grossen Teller Essen vor mir und alle haben interessiert Fotos meiner Familie angeschaut. So eine herzliche und fröhliche Begegnung war das! Das Bild ist entstanden, als ich schon wieder weiter wollte und sie doch noch ein letztes Foto machen wollten.

Freitag, Blick zurück in den weiten Talkessel, in dem auch “les racines du ciel” liegt, der Hof, auf dem ich heute übernachtet habe und auf den wieder gehe, wenn ich mit Wandern fertig bin. Der Libanon ist ein Berg-Land. Der Küstenstreifen ist dicht besiedelt, aber ganz schmal. Und dann geht’s hoch, und zwar steil. Die allermeisten Dörfer und kleinen Städte des Landes liegen zwischen 1000 und 1500 M.ü.Meer.

… übrigens

Ihr bekommt ja ein Mail, wenn ich einen neuen Beitrag publiziere. Oben seht ihr links das WordPress Logo und rechts den Titel meines Blogs (2023: on the road / unterwegs / en Route).  Wenn ihr auf diesen Titel klickt, kommt ihr zur Web-Ansicht, dort ist alles noch etwas schöner dargestellt und ihr könnt die Fotos auch vergrössern.

Lebanon Mountain Trail LMT, Qoubaiyat to Ehden

Kleine Planänderung: anstatt erst länger auf dem Hof zu bleiben und dann den LMT zu laufen, bin ich letzten Sonntag gestartet. Ich werde den Mai wandernd verbringen – 470 Kilometer von der syrischen bis zur israelischen Grenze – und danach wieder auf den Hof in Lassa gehen. Ich fühle mich inzwischen mit Land und Leuten sicher genug und traue mir die Weitwanderung zu. Nach den ersten 5 Tagen bin ich ganz euphorisch: die Landschaft ist noch beeindruckender und hier im Norden “alpiner” als ich dachte, der Frühsommer ideal zum Wandern, die Leute in den Dörfern und Unterkünften nett und hilfsbereit. 

1. Einkauf auf dem Souk in Tripoli. 2. Taxifahrer Samir bringt mich in die Berge nach Qoubaiyat. Er erzählt, dass er in 2 Wochen “auch so etwas macht wie ich”. Er will mit seinem 8 jährigen Sohn legal nach Serbien reisen und sich dann über die Grenze nach Ungarn durchschlagen, wo ihn Freunde erwarten. Er ist einer der Verzweifelten dieses Landes – und ich sitze neben ihm und bin doch meilenweit von ihm entfernt. 3. Die Touristin aus dem reichen Europa kann also loswandern und sich daran freuen, dass der LMT so gut markiert ist. 4. und 5. Und sie kann sich darüber freuen, wie schön die Landschaft im Norden des Landes ist. Auch über 1500 M.ü.M gibt es kleine landwirtschaftliche Flächen, hier üppig, oft auch karg und voller Steine. 6. Der illegale Holzschlag ist etwas sehr Bedrückendes, dem ich auf meinen Wegen begegne. Alte Wälder mit riesigen Bäumen werden zerstört. 7. Die Menschen sind so hilfsbereit. Am zweiten Wandertag haben mir nachmittags nacheinander mindestens 6 Personen geholfen, vom Ende der Etappe zum Hotel zu kommen… Inklusive Gemüse Verkäufer, der mir meinen Einkauf geschenkt hat. 8. Die Wildblumen hier sind unglaublich, so etwas habe ich schon lange nicht mehr gesehen. 9. Ich schaue jeden gelben Strommasten ganz erwartungsvoll an und oft trägt er auch wirklich die weiss-lila Markierung. 10. An das libanesische Frühstück kann ich mich gewöhnen… 11. Auch das gibt es hier: Kahle Berge (wobei der Kahlschlag schon den Phöniziern, Griechen und Römern zu zuschreiben ist) und brutale private Bauvorhaben der Neuzeit. 12. Horsh Eden, ein grosses Waldschutzgebiet. Eine Wohltat nach einem langen Weg über heisse kahle Berge. 13. Bane, hier bin ich heute. 90% der Menschen, die hier ein Wohnrecht haben, leben in Australien und finanzieren ihrem Heimatort eine 100 %-ige Abdeckung mit Solarenergie. 14. Meine Schuhe haben eine Reinigung bekommen und freuen sich auf die nächste Etappe.

http://lebanontrail.org/home

Selber gemacht und wieder verwendet

Der Beitrag sollte eigentlich heissen: Men l masra3 al souk el tayeb (vom Hof auf den “leckeren Markt” in Beirut), aber das muss noch etwas warten. Hier zuerst ein Nachtrag zum Thema selber herstellen und wieder verwenden:

Diese uralte kleine Hacke ist mein Lieblingswerkzeug. Ihr unterer Griff besteht aus einem hohlen Stahlrohr, auf das vor langer Zeit jemand den oberen Teil geschweisst hat. Oben hat sie eine Zacke verloren, aber das macht nichts.

Der selber gebaute Pizzaofen aus Lehm stammt aus einer anderen Zeit und die drei alten Pneus sind perfekt eingesetzt (dahinter die “kerke”, mit der wir vor einer Woche Alkohol destilliert haben).

Das Wohnzimmer von Hiske, in dem wir viele gemütliche Abende verbracht haben: ein kleiner Holzofen zum Heizen und Kochen, dazu links ein Sessel, den ein Freund von ihr aus Holzpaletten gezimmert hat.