L jom3a / der Freitag

Bevor ich abends mein Velo wieder in Anjar parkiere, hat an so einem Freitag extrem viel Platz. Die “3” im arabisch-phonetischen Titel steht übrigens für ein kehlig ausgesprochenes A, das gegen O geht…

Morgens fällt mein erster Blick auf Wollmütze und ebensolches Halstuch, die neben dem Bett bereit liegen. Auch mit dieser Absicherung ist es nicht einfach, mich aus dem warmem Schlafsack zu bewegen. Es ist unglaublich kalt hier in der Beqaa-Hochebene, oft zwischen 4 und 8 Grad und das bei weitgehend ungeheizten Häusern. Letzten Freitag war dann aber alles gar nicht so schlimm, im Garten trocknet die Wäsche und die Sonne wärmt mich beim Kaffeetrinken.

In der Schule in Deir Zanoun machen wir in den Klassenzimmern ein Feuer, um den Kindern einen angenehmen Empfang zu bereiten. Eine andere Heizung und Strom gibt es nicht. Im Lehrerzimmer stehen meine Malsachen bereit. Ich bin bin auch hier wieder beim Malen gelandet und gestalte zusammen mit den Kindern das Treppenhaus, das wenig einladend war. Mein Arabisch ist sehr rudimentär, aber ich kann immerhin fragen, ob die Kinder Blumen oder Herzen malen wollen, oder vielleicht doch lieber die Blätter an den Bäumen. Wenn ich in der Schule mit den Kindern zusammen bin, denke ich nie daran, wo sie herkommen und was für ein schwieriges Leben sie haben – sie benehmen sich nicht viel anders als Kinder in Mühlethurnen. Wenn ich Rimas, Dooa oder Mohammed dann auf dem Heimweg vor ihren ärmlichen Zelten oder mit ihren vielen oft sehr verwahrlosten Geschwistern sehe, erschrecke ich immer wieder über diese harte Realität.

Nach der Schule bin ich bei Houda und ihrer Mutter für eine Arabisch-Stunde. Unser Zusammensein fühlt sich inzwischen freundschaftlich vertraut an und doch leben wir in so verschiedenen Welten. Houda kann als 19-jährige Frau nicht alleine nach Beirut oder auch nur nach Anjar fahren (was uns ganz schrecklich erscheint) und schwärmt vom Ramadan-Monat, in dem sich die grosse Verwandtschaft jeden Tag nach Sonnenuntergang zum Essen und Feiern trifft (was mir bewusst macht, dass ein solcher freudiger Zusammenhalt bei uns oft fehlt).

Danach bin ich mit Lehrerin Amira und ihrer Nichte Jara unterwegs, die mich beim Einkaufen unterstützen. Jara und ihr 8-jähriger Bruder sprechen perfekt Englisch, hier haben die Kinder – wenn die Lehrerinnen und Lehrer nicht gerade streiken – vom Kindergarten an Englisch. Am frühen Abend mache ich mich mit meinem alten Mountain-Bike auf den Heimweg. Ich radle einige Kilometer auf der Strasse Beirut-Damaskus und bin froh, wenn ich sie hinter mir lassen kann.

4 thoughts on “L jom3a / der Freitag”

  1. Liebe Claudia
    Deine Berichte sind spannend und berühren mich sehr, insbesondere die Schule (typisch Karin). Gerade sammelt Terres des hommes Geld für den Libanon. Eine gute Gelegenheit etwas für diese hart getroffene Region zu tun. Falls Du jedoch findest, die Schule sollte direkt Spenden erhalten oder Du kennst eine andere sinnvolle Adresse, dann lass es mich wissen.
    Ich schätze es sehr, durch Dich einen Einblick in diese mir unbekannte Region zu bekommen. Herzlicher Gruss Karin.

    1. liebe Karin, ich freue mich, dass du liest, was ich schreibe. Ich finde die Schule wirklich eine sehr gute Sache und freue mich, wenn du direkt hierfür etwas spendest. Yoshi ist extrem sparsam und es kommt wirklich alles Geld direkt den Kindern zu Gute. Er hat im Moment hier eine Kampagne laufen: https://www.gofundme.com/f/1-km-1-book
      Einerseits will er so Geld und Bücher für eine Bibliothek sammeln. Seine Vision ist eine Schule, die auch nachmittags offen ist und den Kindern einen Rückzugs- und Leseort bietet. Andererseits kommt das Geld, das hier gesammelt wird, der Schule allgemein zu Gute.
      Ganz herzlich, Claudia

Leave a reply to michaelhausammann Cancel reply