Bildbetrachtung

Dieses Bild ist ganz am Anfang meiner Zeit in der Beqaa entstanden, als ich das erste Mal auf den Berg hinter unserem Dorf gestiegen bin. Als ich da so sass und von oben auf die Beqaa schaute, meinte ich plötzlich ein – ungefähr 5 Mal vergrössertes – friedliches und reiches Gürbetal zu sehen. Wir vergleichen immer mit Vertrautem und meinen deshalb wohl oft zu schnell, zu erkennen, was wir da sehen.

Aber die weissen Flächen auf dem Foto der Beqaa sind keine abgedeckten Spargelfelder oder Gewächshäuser, sondern die Flüchtlingsdörfer, die alle aus den weissen Blachen des UNHCR gebaut sind. Auf den Feldwegen sind nur ganz selten Menschen einfach so zur Freude unterwegs. Oft sehe ich Frauen, die riesige Bündel Baumschnitt als Feuerholz auf dem Kopf nach Hause tragen oder Schäfer mit ihren kleinen Herden. Oft auch Landarbeiterinnen, die meist zu Tiefstlöhnen auf den Feldern der Bauern arbeiten, auf deren Land ihre Hütten stehen.

Bei den grossen Strassen bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, ob sie nun gefährlicher als unsere Kantonsstrassen sind oder nicht… Hier herrscht auf den löchrigen Strassen auf den ersten Blick ein absolutes Chaos. Auf den zweiten Blick gibt es allerdings sehr viele Schwellen, was heisst, dass die Geschwindigkeit tief ist. Ausserdem heisst Chaos auch, dass alle immer mit allem rechnen und durch diese Aufmerksamkeit funktioniert das Ganze gut (Velos ausgenommen…).

An den Strassen herrscht eine unglaublich Dichte an Gewerbe und Menschen, hier kommt alles zusammen. Hier sieht man, wie arm die Leute sind – und wie gross die Gegensätze. An bestimmten Stellen warten die Männer Tag für Tag darauf, dass ein Bauer oder ein Gewerbler ihre Arbeitskraft braucht. Unzählige kleine Läden und Stände bieten ihre Waren an, verkaufen aber oft den ganzen Tag nichts. Daneben teure Confiserien mit den weltbesten süssen Backwaren.

Andererseits sehe ich in dieser Ebene hier und hier und auch dort drüben Häuser, in denen ich schon zum Essen und zu Hochzeiten eingeladen war. Ich schaue hier auf eine Welt, in der das Leben so viel härter ist, als bei uns, in der die Menschen aber die Gastfreundschaft und das Zusammensein viel höher werten als wir das tun.

Es gäbe noch viel zu erzählen über dieses Bild, dabei wollte ich eigentlich nur sagen, dass es sich lohnt, genau hin zu schauen.

3 thoughts on “Bildbetrachtung”

  1. Liebe Claudia, Du überzeugst! Und es macht Freude immer wieder in deine in deine kurzen Berichte einzutauchen.
    Gestern stand ich mit einer Gruppe Gemeinderätinnen aus dem Naturpark Gantrisch beim Apéro lange neben unserer Staatssekretärin für Migration, Christine Scharner. Eine wirklich erstaunliche Frau. Sie hat beim jährlichen Netzwerkanlass für Frauen in der Executive ihren Lebenslauf erzählt.
    Natürlich wird sie immer wieder mit Armut und Leid konfrontiert und es ist erschreckend. Doch zu meiner Erleichterung sagte sie auch: In der Schweiz leiden die Menschen anders.
    Ich hoffe du bringst ein bisschen von der hitzigen Lebenskultur zurück in unsere manchmal doch so eisige Gesellschaft und kannst auch ein bisschen von unseren Problemen vermitteln.
    Bis bald, ich vermisse den herzlichen Austausch mit dir beim Frühstück.
    Christine

    1. liebe Christine, merci für deine spannende Rückmeldung mit dem Votum von Christine Schraner. Mir war sie gar nicht bekannt, musste erstmal nachschauen. Heute habe ich versucht, in unserer Volunteer-Runde zu erzählen, wie aufreibend meine Arbeit als Bildungsverantwortliche einer kleinen Landgemeinde in der Schweiz war – aber ich glaube, meine Kolleginnen und Kollegen aus Japan und Holland konnten sich das schlicht nicht vorstellen… Ich wäre auch mal wieder für einen Austausch beim Frühstück mit dir zu haben 🙂
      Herzlich, Claudia

  2. Liebe Claudia
    Wie eindrücklich Deine Worte sind. Gerne würde ich Dir sehr lange zuhören und einen Tag miterleben. Das Leben ist einfach nicht gerecht.
    Zum guten Glück finden wir überall auf der Welt freundliche oder gar herzliche Menschen. Diese Augenblicke, in denen wir einem Menschen nah sind, obwohl wir nicht seine Sprache sprechen, womöglich einer anderen Altersgruppe angehören und noch dazu ganz anders aussehen – diese besonderen Augenblicke sind für mich wahre Geschenke. Ich wünsche Dir immer wieder solche Begegnungen. Ich hatte v.a. mit alten Frauen mehrere solche Begegnungen.
    Herzlich Karin

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